Apple und EPUB3

Gepostet von am Jun 1, 2012

Seit letzter Woche ist es offiziell: Apple unterstützt EPUB3. Die Ankündigung erreichte bisher nur die Partner im iTunes-Connect-Programm, d.h. alle Content-Lieferanten des Apple-Ökosystems, und eine offizielle Stellungnahme auf einer Apple-Plattform fehlt bisher, aber die Nachricht stimmt dennoch positiv für die neue Generation eBook in 2012. Unsere Meinung: Nachdem nun alle drei Ökosysteme ihre Roadmap Richtung EPUB3 veröffentlicht haben, ist die Zeit reif für das enhanced eBook auf allen Marktplätzen.

Die EPUB3-Entwicklungsstrategie der großen drei sieht nach Apples Ankündigung so aus:

  • Apple wird in iBooks EPUB3 direkt unterstützen – vorbehaltlich der finalen Dokumentation wohl mehr oder weniger in dem Umfang der Funktionen, die iBooks bereits jetzt realisiert.
  • Amazon bietet für sein KF8-basiertes Ökosystem eine Import-Schnittstelle für EPUB3-Dateien an. Augenfällig ist hier bisher vor allem die fehlende Unterstützung für jede Art von Scripting, dagegen sind Audio, Video und CSS3-Support nun Standard-Features. Besonderheit im Kindle-Ökosystem sind Spezialfunktionen wie Darstellungsoptionen für Comics und andere Nischen-Genres.
  • Google hält sich in Europa noch sehr zurück, aber hat mit Google Play und der Unterstützung für das Readium-Projekt zu einer vom IDPF,  getragenen Referenz-Implementierung von EPUB3 zwei hohe Trümpfe für die Zukunft in der Hand, die beim Markteintritt mit Sicherheit gezogen werden. Das IDPF zeichnet als Industrie-Organisation für die Standardisierung von EPUB3 verantwortlich – und zusammen mit einer langen Liste großer Namen wie Sony, Adobe, Hachette, Kobo, Barnes & Noble als Unterstützer wäre es ein Wunder, wenn Readium nicht ein starkes, wenn auch später  marktreifes Gegenstück zu iBooks würde.

Für alle Content-Erzeuger, Lieferanten, Dienstleister und Anbieter im eBook-Markt zeigt die Ankündigung von Apple eines deutlich: 2012 wird das Jahr, in dem die enhanced eBooks Fahrt aufnehmen, denn die Nischenanwendungen und Brückentechnologien verlieren ihre Bedeutung, je mehr alle großen Ökosysteme auf einen Standard setzen.

Apples Ankündigung überrascht an sich zunächst nicht wirklich – alle zentralen Features von EPUB3 implementiert iBooks als Anwendung auf der Basis der Safari-Plattform bzw. der Webkit-Backend-Bibliothek für den Kunden und Leser schon seit längerer Zeit. Neu ist hier aber, dass die Unterstützung bisher im Backend auf dem Design-Prinzip basierte, EPUB3-Features  innerhalb von ePub 2.0-Dateien mit z.T. recht proprietären Verrenkungen bereits “vorab” zuzulassen – und dies für einige Features um den Preis, dass die resultierenden Dateien nicht mehr Standard-kompatibel, und deswegen in anderen Ökosystemen nicht verwendbar waren.

Erstaunlich ist eher, wie lange Apple für diesen Schritt gebraucht hat – bedenkt man neun Monate nach dem finalen Beschluss von EPUB3, dass iBooks diejenige Reader-Plattform ist, die gegenüber den Anwendungen von Amazon und Google die geringeste Hürde auf dem Entwicklungspfad zu nehmen hatte. Alle Funktionen, Bedienelemente und Player-Komponenten für Audio, Video und Scripting waren bereits vorhanden und mußten nur auf andere Quelldaten-Strukturen angepaßt werden. Wahrscheinlich hat hier der Fokus auf das iBooks Author-Projekt und die Education Initiative die Kräfte des Entwickler-Teams so gebunden, dass die EPUB3-Unterstützung erst jetzt realisiert werden konnte.

Wenn Apple über iBooks und der iTunes Bookstore nun direkt EPUB3 darstellen und distribuieren kann, werden für Content-Anbieter und Kunden folgende Features nach dem neuen Technik-Standard verfügbar:

  • Multimedia-Integration über die HTML5-Elemente <audio> und <video>: Einbindung von Audio-Dateien in MP3 und Video-Dateien in MP4, mit Plattform-übergreifend nutzbarer Logik für Fallbacks im Fall nicht darstellbarer Inhalte.
  • Layout und Gestaltung mit den Mitteln von CSS3 und Media Queries: Web-Typographie, Schriftarten-Einbettung, Mehrspalten-Layouts, Text-Transformationen per Scripting.
  • Javascript-Widgets, bedingte Texte je nach Leser-Verhalten, interaktive Anpassung der Content-Darstellung
  • Text/Audio-Synchronisation und erweiterte Vorlesefunktionen

Interessant ist daneben, dass zwar parallel mit der Ankündigung eine neue Version des iBookStore Asset Guide veröffentlich wurde – die enthält jedoch keinerlei Dokumentation darüber, welche Features nun in welcher Form unterstützt werden, und auch ein iBooks-Update ist bisher ausgeblieben. Beides dürfte aber für die nächsten Monate zu erwarten sein – spätestens danach steht für alle Betreiber von EPUB-Produktionsworkflows eine größere Anpassungswelle auf der Agenda. Wer vorab ausprobieren will, was zu tun ist und wie weit die Unterstützung für EPUB3-Features bereits jetzt geht: Das IDPF sammelt seit der Beschlussfassung von EPUB3 Beispiel-Dateien für die zentralen neuen Features in einem Google-Code-Projekt. Mit diesen Dateien ist ein Test alle Reader-Plattformen durch Beispiele und Use Cases möglich, die von den Autoren des Standards erstellt wurden.

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2 Antworten : “Apple und EPUB3”

  1. Fabian Kern says:

    Ich kann die Reaktion gut nachvollziehen, Jürgen Schulze. Ich hab die Web-Jungsteinzeit auch noch miterlebt und damals Irrungen und Wirrungen der Konsolidierungsphase als Projektsteuerer für solche Entwicklungen durchlitten.

    Ich habe jedoch Hoffnung, dass dieser notwendige Konsolidierungsschritt diesmal schneller gehen wird:

    Inzwischen wollen alle drei großen Player wirklich Geld verdienen in diesem Markt und tun dies – wie Amazon – bereits sehr ordentlich. Das heißt, die Motivation für die Marktplätze ist da, den Content-Lieferanten sinnvolle Schnittstellen anzubieten, da sie wegen ihrem Umsatzanteil-basierten Geschäftsmodell auf breites Content-Angebot angewiesen sind.

    Zum anderen ist mit der Technik-Generation von 2012 klar, dass die eBook-Reader von Amazon, Apple und Google im Backend alle auf derselben Bibliothek für das Rendern von HTML/CSS und die Interpretation von Javascript aufsetzen, nämlich WebKit. Im Readium-Projekt ist sogar geplant, die eBook-spezifischen Funktionen im nächsten Schritt gleich direkt in WebKit einzubinden.

    Insofern: Ja, diese Varianten wird es eine Zeitlang geben, und sie werden nerven, vor allem je weniger die Content-Anbieter technologiefit sind. Aber ich glaube, es wird weniger schlimm als im ersten Web-Evolutionsschritt.

  2. Jetzt geht der Tanz, den man als Webentwickler schon von HTML+ bis HTML5 mitmachen musste, auch bei E-Books weiter.
    Chef: “Kann man das auch mir Netscape 2.1 lesen?”
    Ich: “Nein, das kann nur der IE!”
    Chef: “Na, dann brauchen wir zwei Versionen… eine für Netscape und eine für IE.”
    Linux-Entwickler: “Und was ist mir Lynx, hihi?”
    Ich: “Halt die Klappe!”
    Linux-Entwickler fällt vor Lachen rückwärts vom Stuhl während Chef wieder nichts versteht.

    Aber zum Glück bin ich ja jetzt mein eigener Chef.

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