Tolino – eine Zwischenbilanz

Vor fast genau 1,5 Jahren wurde die Tolino-Allianz verkündet. Und diese Kooperation der größten eBook-Anbieter des Landes hat allen Unkenrufen zum Trotz den deutschen eBook-Markt verändert. Obwohl die Entwicklung des Modells seitdem alles andere als reibungsfrei verlaufen ist, hat sich die Tolino-Allianz in dieser Zeit fest im Markt verankert und wird ein bestimmender Faktor für die Zukunft bleiben. Eine Bilanz der wichtigsten Entwicklungen:

Spannend klang das Modell der Kooperationspartner schon im letzten Frühjahr bei unserem ersten Artikel zum Tolino: Mit einer Kombination aus einem eigenen eReader, einer gemeinsam betriebenen Backend-Plattform für den Content-Vertrieb und der Cloud-Infrastruktur sollte der eBook-Markt erobert werden. Und obwohl wir damals noch skeptisch waren, hat sich der Tolino in weiten Teilen als Erfolgsgeschichte erwiesen.

Die Marktentwicklung

Dass sich erstmals die größten deutschen Anbieter Thalia, Weltbild, Hugendubel und Bertelsmann zu einer Kooperation zusammengetan haben, scheint sich gelohnt zu haben. Nach eigener Aussage, und gestützt durch GfK-Zahlen lag die Tolino-Allianz 2013 bei 37% des deutschen eBook-Marktes, während Amazon bei etwa 43% angesiedelt war. Hier wird es Anfang 2015 spannend, wenn nach dem Weihnachtsgeschäft die Zahlen des aktuellen Jahres vorliegen.

Anders sieht es momentan noch bei der Marktverteilung nach Geräten aus: Hier liegt der Kindle nach Zahlen vom Mai 2014 mit etwa 43% klar vorne, gefolgt vom Tolino mit 12% und Sony/Trekstor mit jeweils 11% – und auch Kobo spielt hierzulande immer noch eine durchaus relevante Rolle. Nach den Verschiebungen im Markt in diesem Jahr dürfte sich dieses Bild für 2015 deutlich ändern.

Die Kooperationspartner

Für die beteiligten Unternehmen gestaltete sich das Jahr doch recht dynamisch: Mit der Weltbild-Insolvenz war bereits einer der Partner nachdrücklich in Schieflage geraten. Und Mitte 2014 verkündete auch Bertelsmann das Ende seines Buchclubs. Bereits Ende 2013 waren die Verhandlungen zwischen den Tolino-Partnern und der MVB ergebnislos abgebrochen worden, mit denen der unabhängige Buchhandel einbezogen werden sollte. Dass die Telekom dagegen ihren Pageplace-Shop zugunsten ihrer Rolle als Backend-Dienstleister aufgeben würde, war klar und folgerichtig.

Dafür gelang im Sommer die erste Auslandskooperation in Europa: Mit dem belgischen Standaard Boekhandel wurde ein Partner in einem Nachbarland gefunden, der den Tolino als Plattform nutzen wird. Und ganz aktuell wird im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse über eine potenzielle Beteiligung des Barsortimenters Libri berichtet. Würde dieser Deal gelingen, könnte mit den Buchhandels-Kunden von Libri die Basis des Tolino-Modells deutlich verbreitert werden.

Update 18.09.2014: Kaum ist der Artikel publiziert, kommt die nächste Neuigkeit. Wie diese Woche ebenfalls bekannt wurde, haben die Tolino-Partner eine zweite Auslandskooperation abgeschlossen. Mit den niederländischen Buchketten Libris und Blz setzen auch dort Groß-Sortimenter auf das eBook-Ökosystem.

Die Geräte

War der erste Tolino bereits ein für den deutschen Markt ausgesprochen respektables Gerät, hat man inzwischen an vielen Stellen Produktpflege betrieben: Die erste Generation wurde durch Firmware-Updates kontinuierlich weiter entwickelt (und ja: die Reader-Software hat sogar – endlich – die „Rückwärts“-Funktion für Links im eBook gelernt!). Daneben ist mit dem Tolino Vision die mittlerweile zweite, verbesserte Generation des eInk-Readers auf dem Markt. Das Feedback des Marktes auf die Tolino Tablets dagegen war durchaus gemischt – zu groß scheint hier die Konkurrenz der Anbieter im Billig-Segment zu sein.

Dafür ist im eReader-Markt momentan wieder Bewegung: Nachdem sowohl Sony als auch Trekstore ihren Ausstieg aus der Herstellung von eInk-Geräten beschlossen haben, ist die Lücke groß, in die man springen könnte. Denn außer Amazon, Kobo und PocketBook sind damit auf dem deutschen Markt kaum noch Hersteller übrig. Würde es dann noch gelingen, schnell die neueste Generation des Adobe Mobile Reader SDK in die Reader-Software zu integrieren, die seit einigen Woche Unterstützung für das EPUB3-Format bietet, könnten damit auch enhanced eBooks im Tolino-System angeboten werden.

 

tolino tablets

Die aktuelle Produktpalette: Tolino Vision und die Tolino Tablets (Quelle / Copyright: www.tolino.de)

 

Der Content

Wenig getan hat sich dagegen im Content-Bereich: Das für Tolino verfügbare Sortiment ist breit aufgestellt, aber weder sind hier neue Modelle etabliert worden, noch hat man sich nennenswert um alternative Content-Quellen bemüht. Denkbar wäre hier etwa eine Integration der diversen neu entstandenen Selfpublishing-Plattformen gewesen – mit Marken wie Neobooks oder den Imprints von Carlsen und Bastei-Lübbe hätten ja auch die etablierten Verlage durchaus einiges an Content zu bieten.

Eine weitere große Frage für die Zukunft wird daneben sein, wie sehr Abo- und Flatrate-Modelle den Markt hierzulande so verändern werden, dass sich auch die Tolino-Allianz hier neu aufstellen muss. Gerüchteweise soll Amazons Flatrate-Modell Kindle Unlimited noch dieses Jahr in Deutschland starten – und hier eine Alternative zum großen A zu bieten, wäre ein weiterer interessanter Pfeiler des Angebots. Ein Coup für den deutschen Markt wäre beispielsweise, das Angebot von Skoobe unter das Tolino-Dach zu holen.

 

kindle unlimited

Gefahr am Horizont? Mit Kindle Unlimited kommt ein neues Flatrate-Modell als Konkurrenz (Quelle / Copyright: www.amazon.com)

 

Fazit

Grundsätzlich hat die Tolino-Allianz in den ersten 1,5 Jahren ihres Bestehens alles richtig gemacht: Das Modell hat sich in Deutschland fest etabliert und weit mehr als nur die Bestandskunden der Partner angezogen. Aber die stetige Entwicklung von neuen Vertriebsmodellen, neue technologische Trends und neue Konkurrenten werden die Unternehmen auch weiterhin zwingen, ein hohes Innovationstempo zu behalten – die dazu notwendigen Investitionen eingeschlossen, bei gleichzeitig stetig sinkenden eBook-Preisen. Und eines wird Tolino nicht erspart bleiben: Je erfolgreicher die Unternehmen im eBook-Markt sind, umso weniger ist das in der Diskussion dieses Jahres gebetsmühlenartig vorgetragene Argument von „Amazon als Monopolist“ noch stichhaltig.

 

Veröffentlicht von

www.dpc-consulting.de

XML- und Digital-Publishing-Professional mit Leib & Seele, seit Berufseinstieg in verschiedensten Projekten rund um Content-Management und Datenbank-basiertes Publizieren unterwegs. Seit 2012 selbständig als Berater und Trainer für digitales Publizieren.

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