Die SZ Langstrecke – Crowdfunding als Test

Seit Anfang Februar ist die Süddeutsche Zeitung mit ihrem neuen Projekt „Langstrecke“ auf der bekannten Crowdfunding-Plattform startnext präsent. Das Magazin soll parallel in mehren Medien-Ausgaben erscheinen. Und es will an die Renaissance des Genres der Longreads anknüpfen, das im angelsächsischen Journalismus zur Zeit eine unerwartete Renaissance feiert. Denn wenn alles schneller wird, muss man etwas langsames dagegen setzen. Wir geben einen Überblick über das Produktmodell und befragen Redakteur Dirk von Gehlen im Interview über Hintergründe des Projektes:

Das Modell von Langstrecke: Crossmediale Zweitverwertung von Zeitungs-Content

Mit „Langstrecke“ macht die SZ, schon immer erfinderisch bei der Entwicklung neuer Produktformate, ein Experiment mit dem Textgenre Longreads. Im Magazin, das ab Ende März 2015 erscheinen soll, werden vier Mal pro Jahr die besten langen Lesetexte aus der Süddeutschen Zeitung, also Interviews, Reportagen und Essays, gebündelt und in neuem Layout für Interessierte zusammengestellt. Langstrecke wird parallel als Print-Magazin, als Taschenbuch und als eBook erscheinen – mit entsprechend unterschiedlichen Preisen je nach Medienform.

Das vor dem Launch gestartete Crowdfunding-Projekt auf startnext dient dabei nicht wie sonst üblich zur Finanzierung des Projektes, sondern ist als reiner Markttest gedacht: Auf der einen Seite will das Projektteam dabei wissen, wieviel Interesse für welche der angebotenen Medienformen besteht: Momentan liegt die Produktform Magazin deutlich vorne, gefolgt von eBook und Taschenbuch auf Platz 2 und 3. Gleichzeitig will die SZ die Interessenten bereits vor dem Start des Produktes in den Entwicklungsprozess einbinden und dabei so viel Feedback wie möglich über die Startnext-Plattform einsammeln.

Neben der Startnext-Seite kann man sich auch auf der parallel gelaunchten Tumblr-Seite für Langstrecke einen ersten Eindruck verschaffen – oder einen Blick in der Pitch-Video werfen:

 

 

Zu den Hintergründen, der Motivation und der Umsetzung des Projektes berichtet uns Dirk von Gehlen, einer der zuständigen Projektleiter bei der Süddeutschen Zeitung:

 

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Dirk von Gehlen (Quelle/Copyright: Daniel Hofer)

Dirk von Gehlen ist Autor und Journalist. Bei der Süddeutschen Zeitung leitet er die Abteilung Social Media/Innovation, zu der auch das junge Magazin jetzt gehört. Der Diplom-Journalist begleitet den Medienwandel seit Jahren auf seinem Blog digitale-notizen.de und unter @dvg auf Twitter. Er zählt zu den Crowdfunding-Pionieren in Deutschland (“Eine neue Version ist verfügbar”) und schreibt unter phaenomeme.de für die Süddeutsche Zeitung über Internet-Meme. 2011 veröffentlichte er bei Suhrkamp das Buch “Mashup – Lob der Kopie”. [/box]

 

Mit eurem Projekt nehmt ihr den Trend zur langen Form im Journalismus auf, der seit einiger Zeit im angelsächsischen Raum Furore macht. Worin seht ihr den Grund für die Popularität dieses Genres? Wird bei der SZ daran gedacht, sich auch journalistisch stärker in diese Richtung zu entwickeln?

Dirk von Gehlen: Ich erinnere mich noch an die Zeit als man annahm, lange Texte würde niemand am Bildschirm lesen. Der Trend zur langen Form hat an kleinen wie großen Bildschirmen bewiesen: gute Texte werden auch digital gelesen. Denn ob ein Text gut ist, liegt nicht an seiner Aufbereitungsform, sondern an seinem Inhalt. Das ist zunächst eine gute Nachricht für alle, die hochwertigen Journalismus schätzen. Aus dieser Beobachtung ziehen wir den Schluss, dass wir die guten Texte, die schon immer in der SZ erscheinen, jetzt auch auf einem neuen Weg zugänglich machen wollen. Es geht also darum, das, was schon immer Kern der Lesefreude in der Süddeutschen Zeitung war, neu zu betonen.

Bei nahezu jeder Diskussion in Verlagen über eine neue Medien- oder Verwertungsform für Inhalte wird mit schöner Regelmäßigkeit das Kannibalisierungs-Argument angeführt. Wie seht ihr das bei eurem Projekt?

Dirk von Gehlen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer auf die tägliche Lektüre von bis zu 72 Ausgaben der SZ in einem Vierteljahr verzichten will, um stattdessen ein Quartals-Magazin mit Longreads zu bekommen. Insofern befassen wir uns mit dieser Frage im konkreten Fall nicht. Grundsätzlich zeigen einige Beispiele aus dem digitalen Veränderungsprozess aber, dass es manchmal sinnvoll sein kann, sich selbst zu kannibalisieren bevor das andere tun.

Was habt ihr bei „Langstrecke“ für eine Zielgruppe im Auge? Welche Kunden wollt ihr mit dem Projekt erreichen?

Dirk von Gehlen: Alle, die sich für hochwertigen Journalismus begeistern – und zwar auf neuen Wegen. Das klingt wenig spektakulär, aber wir wollen hier wirklich einen offenen Test durchführen und nicht angenommene Zielgruppen in den Blick nehmen.

In den angelsächsischen Online-Medien wird bei Longreads auch mit ganz eigenen Aufbereitungsformen wie dem Visual Storytelling gearbeitet und oft entstehen aufwändige Mediengestaltungen. Wollt ihr bei „Langstrecke“ ausschließlich Zweitverwertung von bereits bestehendem Content betreiben? Oder sind auch Experimente in diese Richtung, exklusive Inhalte oder ähnliches geplant?

Dirk von Gehlen:  Langstrecke ist ein Experiment der kleinen Schritte. Unser Art Director Christian Tönsmann hat das im Video ganz gut zusammengefasst: „Wir wissen nicht, ob das Experiment gelingt.“ Deshalb will ich noch nicht darüber spekulieren, was im zweiten oder dritten Schritt möglich ist – auch wenn wir die angesprochenen Erzählformen natürlich kennen und schätzen.

Aber im ersten Schritt wollen wir zunächst rausfinden, ob es in Deutschland Interesse an einem Magazin gibt, das ausschließlich aus langen Lesestücken besteht. Dabei handelt es sich um Interviews, Essays und Reportagen, die aus der SZ stammen und die über die Tagesaktualität hinausreichen. Wir bündeln sie in einem neuen Format, das den Regeln der klassischen Magazingestaltung widerspricht: Es werden nicht lange und kurze Text in einem guten Rhythmus gemischt, es gibt einfach nur lange Lesestücke. Ich persönlich möchte so ein Magazin gerne lesen – und wir wollen rausfinden, wem es genauso geht.

Als bekanntes Medienhaus auf Crowdfunding für ein neues Produkt zu setzen, ist ja ein (noch?) etwas ungewöhnlicher Ansatz in der Branche. Warum habt ihr euch zu dieser Art des Pre-Launch entschlossen?

Dirk von Gehlen:  Wir machen kein klassisches Crowdfunding, sondern wollen Leserinnen und Leser in den Entstehunsgprozess eines neuen Produktes einbinden, BEVOR dieses erstellt wird. Das geht mit den Möglichkeiten von Startnext besonders gut. Ich habe zu dem Thema ein Buch geschrieben, das ich ebenfalls auf Startnext realisieren konnte. Dabei habe ich gemerkt, dass darin eine interessante Dynamik liegen kann. Wir wollten ausprobieren, ob das auch für eine große Marke wie die SZ möglich ist – und die ersten Tage bestätigen uns darin. Wir versuchen die Leser der ersten Stunde in den Prozess einzubinden und bekommen dabei sehr gutes Feedback.

Dass für moderne Medien das transparent machen des Entstehungsprozesses für die Kunden und die Möglichkeit zur Beteiligung Werte an sich sind, ist eine These, die du ja schon ausführlich in „Eine neue Version ist verfügbar“ vertreten hast. Wollt ihr eure Leser noch weitergehend oder auf andere Weise beteiligen als jetzt schon im Rahmen des Crowdfunding-Projektes?

Dirk von Gehlen:  Das weiß ich noch nicht genau. Wir finden es gerade heraus. Zum Start haben wir die Leser der ersten Stunde eingeladen, an einem exklusiven Fragebogen teilzunehmen. Wir zeigen ihnen Entwürfe und wollen sie zuschauen lassen. Auch dabei gilt aber: Wir müssen herausfinden, was gut ankommt.

Was sind eure Erfolgskriterien für das Projekt? Messt ihr das hauptsächlich an den Verkaufszahlen, oder werden die Erfahrungen aus dem Projekt, z.B. die Resonanz in den Medien, das Feedback der Zielgruppe etc. auch schon als Erfolgsfaktor gesehen?

Dirk von Gehlen:  Das musst du meine Chefs fragen 😉 Im Ernst: Wir haben ein Experiment gestartet, weil wir Erfahrungen sammeln wollten. Ich bin davon überzeugt, dass wir nur dann Geschäfsmodelle für den digitalen Raum finden, wenn wir etwas ausprobieren. Es geht also darum zu lernen. Wenn das mit einem gewissen wirtschaftlichen Erfolg einher geht: umso besser.

 

Sie wollen mehr wissen?

Gerne verweisen wir zum Thema auch auf unsere anderen Artikel zu Crowdfunding und Crowdsourcing, z.B. unseren Überblick zu Crowdfunding in Deutschland, den Beitrag über die Herausforderungen für erfolgreiche Crowdfunding-Projekte, und der Artikelserie von Saskia Letz mit Beiträgen zu Crowdsourcing in Verlagen, Crowdfunding-Modellen von Verlagen, dem Einsatz von Crowdwisdom für die Produktentwicklung sowie einer systematischen Übersicht der verschiedenen Crowd-basierten Ansätze.

 

Bildnachweis

Teaserbild: Quelle/Copyright Süddeutsche Zeitung
Portraitfoto Dirk von Gehlen: Quelle Dirk von Gehlen, Copyright Daniel Hofer.

 

Veröffentlicht von

www.dpc-consulting.de

XML- und Digital-Publishing-Professional mit Leib & Seele, seit Berufseinstieg in verschiedensten Projekten rund um Content-Management und Datenbank-basiertes Publizieren unterwegs. Seit 2012 selbständig als Berater und Trainer für digitales Publizieren.