Mobile Publishing: Update Februar 2015

Verrückte Welt: Während in Europa gerade das EuGH das eBook zum „Nicht-Buch“ erklärt und damit das widersinnige Mehrwertsteuer-Wirrwarr zwischen Print und Digitalmedien verewigt hat, schielen die großen Ökosysteme in den USA nach den Sternen. Ob die Stoßrichtung dabei Smartwatches, Wearables, Elektroautos oder gar die Raumfahrt ist – die Innovationskraft der Konzerne dort scheint keine Grenzen zu kennen. Und klassische Medienprodukte von Verlagen spielen dabei immer weniger eine Rolle. Ob das gut oder schlecht ist fürs mobile Publizieren?  Hier die aktuellen Trends:

Das richtige Produkt entwickeln

Auf dem Weg zur Mobilstrategie: Wer sich gerade Gedanken über seine eigene Strategie fürs Mobile Publishing macht, der findet beim Upload Magazin eine Zusammenstellung der zentralen Zahlen, Fakten und Trends für 2015. Ebenfalls höchst lesenswert ist der Abriss von Heike Scholz bei mobile zeitgeist über die Entwicklung von Mobile-Strategien: Umfassend, präzise und dennoch auf den Punkt gebracht. Und für einen Überblick über die kommenden Trends für Verlage empfehlen wir das aktuelle Interview mit Marcello Vena für die International Publisher Association.

 

So entwickelt sich der Markt

Mobilgeräte und die App Economy: Aktuell gibt es erste gesicherte Zahlen zum Hardware-Markt in 2014. Während im Tablet-Bereich momentan eher Stagnation zu verzeichnen ist, boomen die Smartphones weltweit ungebrochen. Bei der Marktverteilung gilt jedoch bei beiden Gerätetypen: Die großen Hersteller verlieren Marktanteile, die kleine und „sonstigen“ gewinnen. Für die Ökosysteme insgesamt zieht Benedict Evans eine interessante Bilanz: letztlich haben bisher Apple und Google die Auseinandersetzung beide gewonnen – jeder auf seine Weise. Denn wie weit Google mit seinem App-Store mittlerweile aufgeholt hat, zeigt auch Lead Digital. Beim Thema App-Monetarisierung dagegen ist der Einzelverkauf mittlerweile wirklich zum Auslaufmodell geworden: neben In-App-Verkäufen kommt aktuell In-App-Advertising als zweite große Erlösquelle hinzu. Und wie stark die „App Economy“ mittlerweile in Deutschland und Europa geworden ist, zeigt eine aktuelle Studie von Vision Mobile, hier auch in einer deutschen Zusammenfassung bei mobilbranche.de zu lesen.

Was macht Apple gerade? Betrachtet man die momentane Entwicklung der beiden großen Ökosysteme, bekommt man stark den Eindruck, dass Publishing- und Content-Produkte gerade das letzte sind, was die Strategen dort interessiert. Bei Apple dreht sich gerade alles um die Apple Watch und andere Wearables, daneben spielen noch Produkte wie Apple Pay und der Einstieg in den Enterprise-Markt eine Rolle, wie auch Ben Thompson bemerkt. Daneben scheint Apple auch in die Entwicklung von Elektro-Autos einsteigen zu wollen, wie letzten Monat die Runde machte – und eines der jüngsten Projekte ist eine für europäische Verhältnisse riesige Solarstrom-Farm. Und ganz nebenbei hat Hyundai das erste Auto auf den Markt gebracht, das sowohl iOS- als auch Android-Geräte integrieren kann. Und wer ein bißchen mehr Zeit für einen wirklich tollen Longread mitbringt, dem sei das Portrait des New Yorker über den Apple-Chefdesigner Jonathan Ive empfohlen: Neben einer klasse Reportage ist hier einiges zwischen den Zeilen zu lesen, was die Zukunft des Konzerns angeht.

Was macht Google gerade? Während Apple sich um Uhren und Autos kümmert, greift Google eher gleich mal nach den Sternen: Als jüngste Investition hat man sich mit einer Beteiligung beim Raumfahrt-„Startup“ Space X eingekauft. Das ist natürlich folgerichtig, wenn man bedenkt, dass Google gerne auch selber Netzprovider werden würde. Und ein weiterer Schritt dazu wäre das „Loon“-Projekt, bei dem mit funkgestütztem Internet-Zugang über Ballons experimentiert wird. Ebenfalls neu im Portfolio ist ein Anteil vom Augmented Reality-Unternehmen Magic Leap – was diese Firma so alles an Patenten im Schrank hat, zeigt ein spannender Artikel in der Wired – und einen ersten Eindruck vom disruptiven Potenzial der Technologien bekommt man in diesem Youtube-Video:

 

 

Die Technologien zur Umsetzung

Know How fürs eBook-Design: In den USA und Kanada erscheinen in der aktuellen Diskussion viele lesenwerte Beiträge zur Steigerung von Qualität und Produkt-Design im eBook-Bereich, und mit der ebookcraft ist hier eine eigene Konferenz nur zur eBook-Produktion entstanden. Laura Brady hat auf Medium eine ausführliche Liste von Ressourcen für eBook-Produktioner kuratiert, die man nur wärmstens empfehlen kann. Von O’Reilly-CTO Sanders Kleinfeld gibt es ebenfalls auf Medium eine Einführung in die Nutzung von responsivem Design für eBooks – Pflichtlektüre für EPUB-Arbeiter, möchte man sagen. eBook-Designerin Iris Amelia Febres gibt in „Judging a book by its CSS“ einen Überblick über ganz praktische Design-Prinzipien und Best Practises, während man sich über den Rant von Alberto Pettarin zu Fixed Layout eBooks zumindest einmal intensiver Gedanken machen sollte.

Tools für die Produktion: Mit Playwrite ist seit längerer Zeit einmal wieder ein erwähnenswertes neues Tool für die Erstellung von EPUB3-Enhanced-eBooks auf den Markt gekommen – zwar nur für Max OS X, aber für Produktioner in diesem Bereich sicher einen Blick wert. Adobe hat dagegen nicht nur die neueste Adode DPS gelauncht, sondern mit der neuen App der FastCompany auch einen tollen Showcase am Start. Auch hier lohnt ein Test für jeden, der Projekte im Bereich Digital-Magazine plant oder umsetzt.

Das eBook der Zukunft: Neben der Optimierung von eBooks und Apps ist ein aktueller Trend der Diskussion die Frage, wie man die Limitierungen der Containerformate und Content-Silos überwinden könnte. Bei SmartBook erschien dazu die Zusammenfassung eines Talks von Ben de Meester zur Erweiterung des eBooks ins Web: Mit den Technologien des Semantic Web soll das eBook zum automatisiert verknüpfbaren und auswertbaren Datenobjekt werden – ein spannender Ansatz. In eine ganz ähnliche Richtung zielte Jakob Jochmanns Talk auf dem eBookCamp München zu „Büchern in Browsern“ – pointiert und spitzzüngig, aber mit tollen und anschaulichen Beispielen versehen. Martin Kraetke stößt auf seinem Blog ins gleiche Horn, was die Zukunft des eBooks angeht: raus aus dem EPUB, rein ins Web, heißt hier die Devise. Vor allem wenn man sich auch von der Dominanz der großen Shop-Plattformen befreien will. Und Joe Wikert vergleicht auf seinem Blog die heutigen eBooks mit dem Radio zur Zeit seiner Erfindung und wagt einen Blick in die Zeit des Fernsehens – alles bedenkenswerte Ansätze, zu denen wir gerne einmal ein Projekt in Deutschland realisiert sehen würden.

 

So erreiche ich den Kunden

Die Wege zum Kunden sind vielfältig: Egal, welches Produkt man vertriebt, im digitalen Bereich sind kreative Wege gefragt, seine Kunden in immer wieder neuen Channels zu erreichen. Cornelsen versucht sich an einer Kooperation mit Hardware-Hersteller Samsung, um seine Möglichkeiten im Bildungsbereich zu erweitern und erinnert damit an den Kampf von Apple und Google um die Dominanz in amerikanischen Klassenzimmern. In den Niederlanden erklärt die Buchhandelskette Bruna den eInk-Reader und das Modell des eBook-Einzelverkaufs für tot, und setzt vollständig auf ein Abo-/Flatrate-Modell für den Content-Zugang. Penguin Books besinnt sich dagegen auf klassisches Design, gepaart mit modernen Discoverability-Methoden: mit einer liebevoll gemachten Microsite zu den neu herausgegebenen „Little Black Classics“ zeigt der Verlag, wie Online-Marketing heute aussehen kann. Das originellste Produkt-Design der letzten Zeit kommt dagegen vom AnOther Magazine aus London: für eine limierte Sonderedition wurde hier eine Box-Ausgabe entwickelt, die außen aus einem LCD-Display besteht, das innen aber eine edel aufgemachte Print-Version enthält – beides natürlich mit ineinander greifendem Styling und entsprechenden Inhalten. Ein kurzer Vorgeschmack:

 

 

Strategien für Online-Marketing und Vertrieb: Glaubt man der Diskussion in den USA, dann ist der Schwenk zum Direktvertrieb im Moment das große, heiße Ding für 2015 – wie jeder Verlag hier die ersten Schritte machen kann, zeigt dieser Artikel. Ein zentraler Hebel dafür ist die Beherrschung des SEO-Werkzeugkastens, damit die Kunden auch in den eigenen Online-Shop finden. Viele Verlage jedoch erzeugen ihre SEO- und Reichweiten-Probleme im Netz durch Duplicate Content selber – ein vermeidbarer Fehler, wenn man mit Amazon und anderen reichweitenstarken Seiten konkurrieren muss. Wie man hier insbesondere bei Nischenangebote gute Alternativen schaffen kann, indem man mehr Informationen, Service und Content bietet als das große A, zeigt Newfangled in „You can design a better shop than Amazon“. Zur Optimierung des eigenen Angebotes in den Shops von Amazon und Co. verweisen wir auch gerne auf unseren eigenen Überblick zu Buchmetadaten bzw. zum darin erwähnten Artikel des Moz Blog über Amazon-SEO.

 

Veröffentlicht von

www.dpc-consulting.de

XML- und Digital-Publishing-Professional mit Leib & Seele, seit Berufseinstieg in verschiedensten Projekten rund um Content-Management und Datenbank-basiertes Publizieren unterwegs. Seit 2012 selbständig als Berater und Trainer für digitales Publizieren.

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