Wie Fachverlage von Single Source Publishing profitieren

Fachverlage erleben den Umbruch in der Verlagswelt stärker als viele andere Verlage. Grund dafür ist die fortschreitende Digitalisierung von Information und Distributionswegen. Sie betreffen die Kernkompetenzen der Fachverlage, nämlich Informationen aktuell, schnell und überall dort bereitzustellen, wo sie gebraucht werden. Weil Fachverlage sich intensiv mit den Umbrüchen auseinandersetzen, können sie als erste vom aktuellen Wandel profitieren, erklärt Single Source Publishing Experte und Co-Founder von Booktype Micz Flor in unserem Gastbeitrag.

Die 360-Grad-Präsenz der Verlagsprodukte

Informationen sind heute immer gegenwärtig und nicht nur gedruckt, sondern auf vielen Geräten verfügbar. Deshalb werden gerade Fachverlage von ihrer Leserschaft in die Pflicht genommen, eine solche 360-Grad-Präsenz der Verlagsprodukte herzustellen. Die drei wichtigen Anforderungen, die Fachverlage dabei im Blick haben müssen, sind:

  • Aktualität: Informationen sind heute lebendiger denn je.
    In vielen Bereichen verändern sich die Informationen, die einer Publikation zugrunde liegen, noch bevor diese auf dem Markt ist. Fachverlage müssen darauf reagieren können, indem sie Änderungen zeitnah publizieren.
  • Leseverhalten: Informationen sind heute flüssiger denn je.
    Leser/innen sind auf unterschiedlichsten Medien unterwegs. Das gedruckte Buch ist neben dem E-Book oder der Webseite nur noch ein weiteres Medium, das gerade bei Fachverlagen zunehmend den Status des Leitmediums verliert.
  • Technologie: Informationen sind heute abstrakter denn je.
    “Multi-channel” oder “Hybrid”-Publishing ist die Bereitstellung von Publikationen auf unterschiedlichen Lesegeräten und in gedruckter Form. Die Zukunft wird neue Kanäle bringen, auf die sich Verlage schon heute einstellen können.

Diese Herausforderungen lassen sich mit herkömmlichen Herstellungsprozessen kaum meistern. Die Kosten der Herstellung werden durch die Anforderung des hybriden Publizierens in vielen Fällen in die Höhe getrieben, sodass die oft geringen Stückzahlen nicht rentabel sind. Das liegt vor allem auch daran, dass die Konvertierung in unterschiedliche Formate oft nicht gut integriert ist, viele manuelle Zwischenschritte erfordert, was sie fehleranfällig macht.

 

Verlagskonzepte auf den Kopf gestellt

Ein Umdenken ist notwendig, ein Paradigmenwechsel, der viele traditionelle Verlagskonzepte auf den Kopf stellt.

Das Produkt ist nicht mehr das digitale oder gedruckte Buch, das Magazin, das Dokument, das verkauft wird. Das Produkt ist die Information selbst, die durch redaktionelle Prozesse an Wert gewonnen hat. Für diesen Wert sind Kunden bereit zu zahlen. Dabei ist es unwesentlich, wie die Information vermittelt wird, ob gedruckt, digital, auf dem Bildschirm oder E-Reader oder sogar über Kopfhörer als Audiobook.

Gerade für Fachverlage kann dieser Paradigmenwechsel eine Befreiung sein, denn er verdeutlicht, wo die Ressourcen des Verlags eingesetzt werden sollten, um Wert zu schaffen. Kosten werden und sollen bei der Aufwertung von Informationen entstehen. Diese Aufwertung wird von der Leserschaft belohnt. Konvertierung und Distribution hingegen müssen kostengünstig, schnell und automatisiert geschehen. Dann werden alle drei oben aufgeführten Herausforderungen gemeistert.

 

Die Anforderungen an ein CMS

Über Jahrzehnte haben sich Fachverlage schon mit dem Thema CMS befasst. Eine perfekte Lösung hat niemand. Denn die Rahmenbedingungen ändern sich laufend: Technologie, Kundenbedürfnisse und Angebotsformate. Der Aufwand ist hoch, einen XML-first-Workflow zu erstellen, eine “medienneutrale Datenhaltung” auch wirklich ins Zentrum zu stellen. Das gelingt bisher nur den Verlagen, die auch ein passendes Geschäftsmodell dazu haben, wie z.B. Haufe oder Beck oder Wolters Kluver mit ihren Fachdatenbanken. Für kleinere Verlage lohnt der Aufwand der Umstellung meist nicht – für andere Branchen wie z.B. dem Schulbuch ist es z.T. noch zu früh. Ein Ausweg aus dem Dilemma können flexible Single Source Publishing-Lösungen wie die von Booktype sein.

 

Das druckfertige Buch ist nicht mehr das Leitmedium. Anstatt der aufwendigen Arbeit mit InDesign, wie in diesem Bild, können Single Source Publishing Lösungen druckfertige PDFs automatisiert erstellen.

 

Single Source Publishing als Lösungsweg

Single Source Publishing bedeutet: Informationen werden zentral auf einer Plattform bearbeitet, das heißt es gibt keine Medienbrüche mehr. Dabei werden alle Arbeitsabläufe, Nutzerrollen und Veränderungen in der Plattform abgebildet und gespeichert. Die Konvertierung in unterschiedliche Formate, das Hybrid Publishing, erfolgt automatisiert und zeitnah nach der Fertigstellung.

Eine Reihe von Produkten, die Medienbrüche in der Herstellung vermeiden, sind gerade im Kommen. In diesem Zusammenhang ist sicherlich Google Docs zu nennen, das die redaktionelle Zusammenarbeit in der Cloud ermöglicht. Inzwischen hat auch Microsoft nachgezogen und mit Office 365 eine Lösung geschaffen, die in vielen Verlagen die reinen Offline-Dateien von Microsoft Word ablöst.

Während Google Docs und Microsoft Office 365 ihren Fokus auf die kollaborative Herstellung einzelner Artikel legen, gibt es auch Produkte, die sich mit der Herstellung von Büchern beschäftigen. Dazu gehören z.B. Booktype, Pressbooks und Overleaf.

Während Overleaf auf LaTeX aufbaut, verfolgen Pressbooks und Booktype einen neuen Ansatz: hybrides Publizieren in E-Books und PDF direkt aus dem Browser mittels HTML und CSS. Pressbooks legt seinen Schwerpunkt ausschließlich auf Print PDF und E-Book, während Booktype fertige Bücher darüber hinaus auch in andere Formate, wie zum Beispiel HTML für Webseiten, DOCX, InCopy für InDesign ausspielen kann.

 

Die Vorteile für Fachverlage

Corporate Design auf allen Kanälen: Publikationen werden korrekt in Ihrem Layout ausgegeben, inklusive aller Formalia wie Titelblatt, Impressum, Inhaltsverzeichnis, Kontaktinformationen, Logos. Das System erstellt automatisiert viele Formate: PDF für Screen, Druck, Tablets, E-Books für mobile Geräte, Tolino- oder Amazon-Publishing, außerdem Korrekturexemplare, Leseproben und HTML für Ihre Webseiten. Da die Informationen digital abstrahiert vorgehalten sind, können zukünftig weitere Formate bei Bedarf mit geringen Kosten entwickelt werden.

Alles im Blick: „Workflows“ und „Änderungsnachverfolgung“ bieten den Überblick und geben die volle Kontrolle über alle redaktionellen Prozesse.

Word® importieren: Durch den Import von Microsoft Word® (DOCX) oder EPUBs können bestehende Dokumente einfach importiert und Archivbestände neu erschlossen werden.

Alles im Browser: Autoren und Teams können von überall arbeiten.

Nur einmal korrigieren: Dank Single Source Publishing müssen Korrekturen für alle Ausgabeformate nur ein einziges Mal gemacht werden.

Schnelle Aktualisierung: Da die Konvertierung automatisiert erfolgt, entsteht keine Verzögerung zwischen der redaktionellen Fertigstellung und dem verkaufsfertigen Produkt. Mit einer Anbindung an Print-on-Demand gilt dies auch für das gedruckte Buch.

 

Case Study: Amnesty International

Der Annual Report ist mit Abstand die wichtigste Publikation für Amnesty International. Als Single Source Publishing-Lösung nutzt Amnesty International die Software Booktype für die Erstellung des 400-Seiten starken Dokuments. Dies ermöglicht die Zusammenführung der einzelnen Kapitel für den Report auf einer zentralen Plattform und dies parallel für neun Sprachversionen – unter anderem Arabisch und Chinesisch.

Nach vielen Jahren, in denen das Amnesty Team mit hunderten von Word-Dokumenten – und noch mehr Versionen derselben – hantieren musste, werden nun alle Texte in Booktype gesammelt und bearbeitet. Die Möglichkeit, Microsoft Word® Dokumente zu importieren, erlaubt Autoren und Übersetzern weiterhin, mit ihren vertrauten Werkzeugen zu arbeiten.

 

Amnesty International Generalsekretär Salil Shetty stellt den Jahresbericht vor, der seit 2014 in neun Sprachen in Booktype mittels Single Source Publishing-Prozessen hergestellt wird.

 

Durch kundenspezifische Anpassungen der Software wurden zudem mögliche Fehlerquellen umschifft, wie versehentliche Änderungen in der Kapitelreihenfolge oder Übersehen wichtiger Kommentare in der Leitsprache. “Full Revision History” ermöglicht die Gegenüberstellung aller Änderungen. Das Team behielt so den Überblick über den Bearbeitungsstatus aller einzelnen Kapitel vor dem Export.

Innerhalb eines einzigen Monats wurde der Report mit Booktype fertiggestellt und mit einem Knopfdruck für den Druck sowie gleichzeitig in weiteren Formaten für die Website und als Screen-PDF ausgegeben.

 

 

Seit 1995 arbeitet Micz Flor mit dem Medium Internet als Medienentwickler und Organisator von Events, Magazinen und Temporary Media Labs. Er gewann mit Florian Clauß den “Extension” Netzkunst-Wettbewerb der Hamburger Kunsthalle und den “Multimedia-Preis der Landeshauptstadt Stuttgart” mit Josephine Berry, mit der er auch das Fanzine Crash Media publizierte. Seit 2000 arbeitete Flor als Medienentwickler für Osteuropa und Asien bei der Stiftung Media Development Loan Fund (MDLF). In Folge war er 2010 Mitbegründer der Stiftung “Sourcefabric” für Open Source Entwicklung für Medien mit Büros in Prag, Berlin und Toronto.

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