Adobe Creative Suite 6 – der Schritt in die Cloud, die Antwort auf iBooks Author?

Auch nach über einem Jahrzehnt der Digitalisierung ist ein Problem der Verlage immer noch die proprietäre Datenhaltung in verschiedenen Systemen. Die medienneutrale Datenhaltung ist längst nicht überall präsent. Und wem ein aufwändiges Layout wichtig ist, wer schon lange überlegt, wie er ohne ein aufwändiges CMS in die digitale Welt kommt, wer bisher seine Daten in InDesign aufbereitet und seinen effizienten und liebgewonnen Workflow nicht umstellen möchte – für den gibt es jetzt ein Angebot von Adobe.

Die Creative Suite 6 in der Cloud
Seit Ende April ist der Verkaufsstart der neuen Creative Suite 6 von Adobe nun offiziell. Neben vielen interessanten Runderneuerungen in den einzelnen Komponenten ist es zunächst das Preis- bzw. Lizenz-Modell, das hellhörig macht. Zwar kann man die verschiedenen Versionen der Suite auch immer noch als Box kaufen, aber die Creative Cloud steht im Zentrum: Als SaaS-Modell und mit dem Angebot, die Software-Suite für um die 60 € / Monat zu mieten, statt für ~ 3000 € + zu kaufen, bietet sich Adobe dem Markt der vielen Einzelkämpfer, Freelancer und kleinen Kreativagenturen im Gestaltungs- und Webdesign-Bereich an. Und auch Bestandskunden erhalten einen günstigen Einstieg: bereits ab 30-35 € / Monat kann man alte CS-Lizenzen migrieren. Die Verteilung der Software läuft ebenfalls Cloud-basiert, Updates innerhalb der CS6er-Familie hat man also bereits mit abonniert.

Die Layouts
Aber auch in den Details richten sich die neu eingeführten Funktionen in den einzelnen Produkten direkt an die Cloud- und Ökosysteme-Publisher, die mit gewohnten Werkzeugen die neuen Medienformen erschließen wollen:
In InDesign werden sogenannte “alternate layouts” eingeführt: Dabei werden mehrere Seitengestaltungen für verschieden Ausgabeformen, d.h. Seitenformate, Orientierungen, Displaygrößen in einer Datei erzeugt und gehalten, d.h. eBook-Layouts werden im gleichen Gestaltungsschritt wie die Printlayouts editierbar. Ergänzt wird dies durch die “liquid layouts”: Bei diesem Konzept werden regelbasiert die Layouts für Tablets/eReader/Smartphones erzeugt – der Layouter gibt nur noch die Fixpunkte bzw. Kanten im Ziellayout vor, anhand derer ein reflow layout in EPUB erzeugt werden soll. Im reflow layout wird konfigurierbar, in welcher Reihenfolge Text, Bilder und Grafiken in das EPUB- oder HTML-Format exportiert werden, ohne das InDesign-Layout zu ändern. Dieses Verfahren analog zu den CSS-Weichen/Media Queries im Web-Content, wäre eine erhebliche Produktivitäts-Steigerung für eine integrierte Print/eBook-Produktion.

Multimediale Elemente
Ergänzt wird dieses Verfahren durch die Möglichkeit, ähnlich wie in Dreamweaver als Webdesign-Tool, interaktive HTML-Elemente, z.B. Google Maps-Karten oder Audio- und Videoinhalte einzubinden. Erstellt man Videos als Animationen in Flash, können diese in der neuen Version in JS-Code für das Javascript-Framework CreateJS konvertiert werden, womit sie als HTML5-Widgets gekapselt werden können. Ebenso wird Dreamweaver um einen attraktiven neuen Produktionsansatz ergänzt – PhoneGap, eines der momentan führenden Web-App-Frameworks, wird direkt integriert. Damit wird es möglich, Web-Apps innerhalb der CS zu gestalten, und die funktionalen Anteile für die Mobilbetriebssysteme in einem entsprechenden Framework hinzu zu fügen.

Das alles klingt so interessant, dass man als Web-Veteran geneigt ist, alleine bei der Fülle der guten Neuigkeiten skeptisch zu werden, ob die Produktfunktionen dann wirklich halten, was das Marketing und die Produktshows so vollmundig versprechen. Der funktionale Ansatz jedoch ist ausgesprochen stimmig: Für die riesige Nutzergruppe der CS-User wird Kompatibilität der gewohnten Arbeitswerkzeuge mit neuen Medien- und Produktformen durch Hinzufügen vieler kleiner Details und einiger neuer Exportfunktionen gewährt. Der Gestalter behält seine Arbeitsumgebung und kann alle momentan gehypten Zielplattformen mit bedienen. Ob dieses Konzept nun als direkte Antwort auf Apple’s iBooks Author-Initiative anzusehen ist, oder ob hinter beidem länger geplante Projektzyklen stehen – das ist vielleicht für die Strategen eine interessante Diskussion. Den Anwender werden beide Produktlinien freuen, denn dass eine integrierte Produktivitäts-Umgebung für die Gestalter von eBooks, Apps und smart content für Webplattformen überfällig war, liegt als Trend des Jahres in der Luft. Dieser Entwicklungspfad – und ein innovatives Preis- und Lizenzmodell – das könnte für Adobe aufgehen.

Veröffentlicht von

www.dpc-consulting.de

XML- und Digital-Publishing-Professional mit Leib & Seele, seit Berufseinstieg in verschiedensten Projekten rund um Content-Management und Datenbank-basiertes Publizieren unterwegs. Seit 2012 selbständig als Berater und Trainer für digitales Publizieren.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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  3. Danke für den interessanten “Überflug”! Ich sehe das genau gleich wie du. Zur Frage wegen der Konkurrenz zu iBooks Author. Das glaube ich weniger, weil iBooks Author letztlich nur zum Ziel hat, mehr iPads zu verkaufen. Adobe bindet sich zum Glück nicht an Plattform und hat in dem Sinne keine Querfinanzierung im Visier.

    Herzlich
    Haeme Ulrich