DRM, ja oder nein? Ein Gespräch mit dotbooks

DRM ist ein Pulverfass. Wenn die Kunden merken, dass sie in den meisten Fällen nur die Lizenz zum Lesen gekauft haben und nicht das Produkt, dann werden sie enttäuscht sein. Denn in der Regel wollen sie das Produkt ja auch besitzen und in den unterschiedlichsten Situation nutzen. So ist es zumindest die gewohnte Haltung. Ein Buch hat man besessen. Und mit dem Kauf auch gezeigt, wessen Geistes Kind man ist. Der Inhalt hat einem gehört und sollte ein „Spiegel der Seele“ sein. Wird sich diese Haltung auch auf eBooks übertragen?

Bei gedruckten Werken stellen Produktion und Distribution besondere Anforderungen und vermeintlich schwinden alle Hürden bei digitalen Büchern. Aber die relativ geschlossenen Ökosysteme von Amazon und Apple zeigen, dass eBook nicht gleich eBook ist und Kauf nicht gleich Besitz. Einerseits ist es für die Kunden wichtig, dass sie einfach, sicher und schnell an das gewünschte Werk gelangen. Die berühmte „customer journey“ muss überzeugen, die Usability ist wie bei allen digitalen Produkten und Angeboten entscheidend. Alles was dem entgegen steht ist von Nachteil. Andererseits wollen Autoren für ihre Arbeit belohnt werden. Sie suchen nach Schutz vor Piraterie und übertragen dem Verlag die Aufgabe zur Sicherung der Rechte.

 

Das Beispiel dotbooks

Wie gehen Verlage mit dem Thema um? Wir haben bei dotbooks nachgefragt, einem Münchner Verlag, der ganz auf digitale Werke setzt und zugleich die klassische Verlagsarbeit sehr ernst nimmt. Digital first – quality first, könnte man sagen.

 

Verlegerin Beate Kuckertz und Lektor Dennis Schmolk

Verlegerin Beate Kuckertz und Lektor Dennis Schmolk

 

Was macht Ihr anders bei der Bearbeitung von Texten für eBooks als bei gedruckten Büchern? Worauf müsst Ihr besonders achten, damit die Qualität der eBooks auch stimmt? Worin unterscheidet sich das von der Arbeit an einem Text, der gedruckt wird?

Beate Kuckertz: Bis zum fertigen Manuskript gibt es eigentlich keinen Unterschied, abgesehen davon, dass wir auch in der Lage sind, Textformen zu publizieren, die sich bei Printverlagen nicht kalkulieren lassen. Serien und sehr kurze eBooks etwa. Aber wir lektorieren die Manuskripte wie in jedem anderen guten Verlag.

Dennis Schmolk: Der Unterschied kommt, wenn wir an die Aufbereitung der Manuskripte für die digitale Herstellung gehen. Hier müssen wir neben der visuellen Auszeichnung darauf achten, den Texten durch technisch-logische Vorstrukturierung den Weg ins EPUB zu erleichtern. Und diese Arbeit ist im Lektorat angesiedelt, d.h., wir übernehmen trotz ausgelagerter Herstellung einige der Aufgaben einer Herstellungsabteilung.

 

DRM ist ein Streitthema. Dotbooks kommt ohne DRM aus. Was empfehlt Ihr Euren Autoren und Lesern?

Beate Kuckertz: Harter Kopierschutz ist nicht nur teuer und ineffizient, er ist in meinen Augen auch ein gewaltiger Hemmschuh bei der Marktentwicklung in Richtung Digitalisierung. Der eBook-Käufer erwirbt immer eine Lizenz, ob das eBook nun durch DRM eingeschränkt wird oder nicht. Das drückt sich auch beispielsweise im Mehrwertsteuersatz von 19% aus. DRM hält das dem Kunden aber direkt ins Gesicht und bestraft ihn für seine Ehrlichkeit, während unehrliche Nutzer den „Schutz“ einfach umgehen oder sich gleich piraterierte eBooks besorgen. DRM bringt also nichts, außer einem trügerischen guten Gefühl: „Ich habe was für den Schutz getan.“

Bei manchen Autoren und Agenten stießen wir zunächst auf Unverständnis: Was, ihr wollt meine Inhalte einfach so, völlig nackt, in den „Reißwolf Internet“ werfen? Aber mit unserer Aufklärung über Möglichkeiten und Probleme von DRM haben wir eine Erfolgsquote von bislang 100%. Uns ist noch kein guter Stoff entgangen, weil wir auf DRM verzichten.

Dennis Schmolk: Richtig, denn DRM ist eine Einstiegshürde, die gerade technisch weniger versierte Kunden abschreckt. Ich habe bei Innovation protoTYPE 2012 im M@rtha-Team mitgearbeitet, einem Projekt für eReading-Support, und unsere wesentliche Erkenntnis war: 90% aller Supportvorfälle sind DRM-bedingt. DRM beschränkt den ehrlichen Kunden in seiner Inhaltsnutzung. Und das kann bei einem gekauften Produkt nicht Sinn und Zweck sein. Der unehrliche Kunde dagegen hat niemals ein Problem, aus illegalen Quellen an das Produkt zu kommen oder einen Kopierschutz zu umgehen.

Und mit hartem DRM zwingt man dann auch den legitimen Käufer, zu solchen Mitteln zu greifen oder ein halbgares Produkt zu genießen. Hartes DRM steht dem digitalen Lesen, dem Medium eBook im Weg, weil die Nutzer nicht damit umgehen können bzw. schlecht darauf reagieren. Ich erinnere mich mit Schrecken an die Tortur der ersten ADE-Installation … Und ich betrachte mich als recht technikaffin. Aber gerade darum will ich ein uneingeschränktes Produkt, keine Stümmelware. Das wissen auch Verlage und Autoren, darum raten wir: Finger weg von hartem DRM! Vertraut euren Kunden. Die, denen ihr nicht vertrauen könnt, wissen sich ohnehin anders zu helfen.

 

Was kostet DRM?

Beate Kuckertz: Klar, die Software für DRM kostet Geld, und das wird auf jeden einzelnen Titel verrechnet. Die Frage ist, ob sich die Kosten für diese Investition jemals wieder einspielen – aber diese Frage können wir leider nicht beantworten, denn es fehlen Zahlen über die illegalen Downloads, die eine Gegenrechnung möglich machen würden.

Dennis Schmolk: Der Workflow würde vermutlich kaum eingeschränkt, denn die verbreitetste Software ADE kommt ja erst nach bei der Herstellung oder Auslieferung zum Tragen, wird quasi aufgesattelt. Da die Herstellung von externen Dienstleistern besorgt wird, hätten wir vermutlich gar nichts damit zu tun. Es liefe so wir bei unseren Titeln, die über Amazon gekauft werden – dort besorgt ja auch das System den „Schutz“, also die Verschlüsselung der Inhalte. (Und leider gewährt Amazon nicht die Möglichkeit, darauf zu verzichten.)

 

Ist „Soft-DRM“ eine Alternative?

Beate Kuckertz: Das ist aus Kundenperspektive sicherlich ein Fortschritt. Immerhin kann man mit einem „soft“ eingeschränkten Buch mehr anfangen als mit einem hart kopiergeschützten. Meiner Meinung nach ist aber auch ein Wasserzeichen unnötiger Aufwand – wer es umgehen will, kann es leicht umgehen. Allerdings schafft diese Technologie möglicherweise Akzeptanz, wo sie bislang fehlt – weicher Kopierschutz ist ein Fortschritt für den Kunden, und dennoch haben Urheber das Gefühl, es werde etwas zum „Schutz“ ihrer Inhalte getan. Der komplette Verzicht auf DRM kann dann der nächste Schritt sein.

 

Sie wollen mehr zum Thema wissen?

Im Rahmen unserer Reihe „Publishing Monday“ werden wir am 16. September einen Abend dem Thema Qualität und Aufgaben in Verlagen widmen. Beate Kuckertz wird dann im Gespräch mit der Autorin Britta Hasler und dem Gründer von BookRix, Gunnar Siebert über die Herausforderungen bei digitalen Produkten berichten.

Dieses Interview bezieht sich auf das mit Ansgar Warner geführte Gespräch. Dennis Schmolk ist auch unter @anouphagos und www.alles-fliesst.com zu erreichen.

Einen ausführlichen Beitrag zum Thema DRM und den Gefahren für die Branche von Fabian Kern finden Sie hier. Daneben sind im Rahmen der Blogparade “Lesen ohne Limit” von http://www.e-book-news.de noch einige weitere lesenswerte Beiträge zum Thema DRM entstanden.

 

 

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.