Social reading – mit Daten einen besseren Unterricht gestalten

Reynol Junco und Candrianna Clem haben als Professoren in eine Studie an der Iowa State University festgestellt, dass es eine direkte Relation gibt zwischen den Noten ihrer Studenten und der Zeit, die sie für das Studium ihres Lehrbuches verwenden. Und auch Jill Barshav kommentiert ähnliche Erfahrungen in einer Studie von Renaissance Learning bei Schülern, die viel lesen. Das ist an sich keine großartige PR-Meldung wert und würde jeden emeritierten Professor und Lehrer zu dem Satz verleiten “hab ich doch schon immer gesagt”.
Der Punkt ist, dass diese Messung der Zeit durch eBooks möglich wird. Der Einsatz von Studienmaterial und Vorlesungsskripten ersetzen nicht das Lehrbuch, sie ergänzen es, vor allem, wenn es selbst digital gewandet ist.
In dem Moment, in dem Professoren auch die Rückmeldung über die Nutzungsdauer von eBooks erhalten, können sie entsprechend auf Studenten zugehen und ihr Angebot anpassen. Und sie können das richtige Zusammenspiel von Text und der eigenständigen Lektüre und einer nachhaltigen Diskussion in den Präsenzveranstaltungen je nach den Teilnehmern im Kurs anpassen. Es wäre ja kein Problem, kurzerhand in einem Seminar mehr Zeit auf die Diskussion von Lektürestellen zu widmen, wenn der Lehrende den Eindruck hat, dass hier wichtige Erkenntnisse fehlen.

Die Daten aus der Nutzung digitaler Medien können die Gestaltung der Präsenzveranstaltungen nachhaltig verbessern – wenn sie denn genutzt und richtig interpretiert werden. Das ist keine Antwort auf die Frage nach “deep reading” und ob Studierende Inhalte besser und nachhaltiger erfassen durch eBooks – die Meinungen gehen hier auseinander und die Diskussion führt hier zu weit. An dieser Stelle seien nur beispielhaft die Beiträge von Loviscach, Schulmeister, Thissen oder Wampfler genannt oder auch unsere Beiträge, die das Spektrum verdeutlichen. Es geht im ersten Schritt darum, ob der Lehrende seine Arbeit verbessern kann durch die Daten aus der digitalen Nutzung. Und das kann man klar mit einem Ja beantworten. Denn das ist mehr als er sonst erhält, wie es Daphne Koller im Zusammenhang mit coursera schon verdeutlicht hat.

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Die allen zugängliche Bibliothek bei lectory: Nach der Auswahl eines Titels kann man alleine oder in der Gruppe lesen und kommentieren.

Steffen Meier hat im Zusammenhang mit der Analyse von eBooks zurecht darauf verwiesen, dass es auf die richtigen Fragen ankommt, die man stellt. Daten sammeln ist recht einfach, sie richtig zu interpretieren hingegen nicht.

Am Beispiel von lectory und der Nutzung zusammen mit der SZ und Reclam wird dies deutlich.

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Die Nutzer können sich zum gemeinsamen Leser verabreden und anmelden. Der Text steht im Mittelpunkt und die Kommentare beziehen sich auf einzelne Stellen im Text.

Die Schüler und Studierenden haben die Möglichkeit, zusammen Texte zu lesen und zu diskutieren. Wie bei Sobooks auch stellt man schnell fest, dass die Funktion des gemeinsamen Lesens alleine noch nicht ausreicht, um das Publikum zu begeistern. Es braucht eine Klammer, einen Rahmen, einen weiteren Grund, warum man mit anderen lesen will. Und den gibt es in Klassenräumen. Ein Lehrer will von den Schülern wissen, was läuft. Damit sind auch die Kennzahlen klar: Wer liest wann wie häufig den Text? Und wie reagiert er auf die Aussagen anderer? Damit ist auch deutlich, dass hier eine qualitative Bewertung der Beiträge nötig ist, will man social reading auch nutzen.

Dass man Analysen braucht ist das eine, dass man damit ein tragfähiges Geschäft aufbauen kann, etwas anderes. Denn die großen Ökosystemen lassen sich nicht in die Daten schauen – und ohne sie ist es ein wenig langweilig. Über die Vorstöße von Apple und Google berichten wir regelmäßig, aber auch Microsoft ist im Bereich Lehre aktiv, denn niemand will sich den Markt entgehen lassen. Kleinere Firmen wie myON probieren es mit einem Portal, auf dem Lehrende und Lernenden eine große Bibliothek multimedialer Inhalte, Analysen und Empfehlungen erhalten. Die Kunden sind in erster Linie b2b-Kunden wie Bibliotheken und Schulen. Andere wie Hiptype sind schon verschwunden und bei Jellybooks wird es darauf ankommen, wie gut der Dienst von den Verlagen genutzt wird, nicht nur von Piper.
Und man kann Amar Kumar von Pearson in der Analyse des digitalen Lernens nur zustimmen:
1. Nutze die digitalen Analysen der Lernenden, um bessere Angebote zu erstellen.
2. Personalisiere die Angebote, um dem Lernenden die für ihn richtige Umgebung zu schaffen.
3. Schaffe Angebote, die nicht um einzelne Prüfungen herum zentriert sind.

4. Lerne die “guten und hilfreichen” Tools von den “unnützen und zeitfressenden” zu unterscheiden. Denn das wird eine der wichtigen Kompetenzen der Zukunft sein für Lehrende und Schulungsanbieter.

 

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.