Inspire: Amazon investiert in Bildung

Langsam aber stetig greift auch an den Schulen die Digitalisierung. Was sich in Österreich schon länger andeutete, wird jetzt Realität: Das digitale Schulbuch kann das gedruckte Werk ersetzen. Damit ist man schon einen Schritt weiter als z.B. in Bayern, wo der LehrplanPLUS zumindest neben den klassischen gedruckten Werken ab August 2016 auch digitale Angebote für die Zulassung erlaubt. Die Schulbuchverlage stehen in den Startlöchern und bieten sich den Lehrern mit eigenen, digitalen Lernplattformen an. Aber sie bekommen nicht nur von staatlicher Seite Konkurrenz, wie z.B. mit mebis in Bayern, sondern auch von Amazon:

amazon inspire

Amazon Inspire versteht sich als kollaborative Plattform für Lehrer, Institutionen wie Schulen und Autoren. Die Inhalte werden frei zur Verfügung gestellt, von anderen bewertet und kommentiert und der Austausch bietet die bessere Entwicklung individueller Lernmaterialien.

Amazon Inspire lautet der schöne Titel einer weiteren Offensive im Bereich Bildung, die Leonhard Dobusch auf netzpolitik.org schon gut erläutert hat. Das Kalkül ist klar:

  • Lehrer brauchen Material.
  • Sie können nicht nur und immer auf die Verlage warten.
  • Sie wollen das Material anpassen an ihre Situation, weil jeder Lehrer per se immer zwischen Vorgaben (des Staates, der Schule, der Lehrbücher..) und der jetzt vor ihm stehenden Klasse pendeln muss.
  • Sie müssen situativ entscheiden können, sonst machen sie ihren Job schlecht.
  • Deshalb wollen Lehrer immer einen gewissen Grad der Anpassung ihrer Materialien.
  • Und deshalb kommt es den Lehrern zu Gute, wenn sie sich austauschen können und Materialien anpassen.

Die digitale Welt ist per se für sie ein viel besserer Lebensraum als die Abstellkammer beim Hausmeister mit Kopierer und Overheadfolien. Und deshalb werden sie künftig noch stärker Plattformen nutzen, auf denen sie aus vielen Materialien auswählen können und diese teilen. – Wenn diese einfach zu handhaben sind und genügend Material zur Verfügung steht.
OER (zu open educational ressources siehe z.B. unseren früheren Beitrag hierzu) ist für Lehrer eigentlich der ideale Weg, denn hier können sie zwischen erprobten Vorlagen und kreativem Anpassen pendeln.
Und Amazon Inspire ist hierfür eine Option. Die Inhalte sind für alle offen nach der creative commons Lizenz 4.0, die Lehrer können selber hochladen, bewerten und teilen. Inspire ist dafür kein schlechter Titel und greift die Forderung von Rüdiger Salat auf dem Publishers Forum auf, die “kreativen Kräfte der Lehrenden und Lernenden zu fördern”. Natürlich konkurriert Amazon mit ähnlichen Plattformen wie teachshare. Aber die Unterstützung von teachshare durch mebis zeigt auch ganz klar, dass derartige OER-Angebote auch von staatlicher Seite Zuspruch finden. Und dass es für Verlage eng wird, wenn sie nur an eigenen Plattformen schrauben, von “scook” über “kapiert” bis zum “digitalen Unterrichtsassistenten”, um nur mal die großen drei Verlage zu nennen. Verlage müssen nicht nur zu Kuratoren von allgemein zugänglichen Inhalten werden, sondern auch selber pädagogische Konzepte für blended learning und den flipped classroom bieten. Dann haben sie eine Chance. In diesem Punkt kann man Neil Goff und seinen Beobachtungen der Konferenzen hierzu in den USA und der Strategie von McGraw-Hill nur zustimmen.

Dass Amazon das natürlich nicht selbstlos macht, ist allen klar: Die eigenen Cloud-Services erhalten potenzielle Kunden, das Selfpublishing-Angebot wird ausgeweitet, so dass man an Amazon an der zentralen Suchmaschine für neue Produkte nicht vorbeikommt, und die kostenpflichtigen Produkte sind mit einem Klick über Amazon auch gleich zu bestellen. Und dass Amazon den Lehrern in die Karten spielt, versteht sich auch. Einzig das Ministerium kann ein Gegengewicht bieten.

 

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.