Das Schulbuch der Zukunft

Wen wundert´s: Einer Studie der Ruhr Universität Bochum zufolge sind Schüler motivierter und lernen besser, wenn sie selbst und in der Gruppe Experimente machen, statt Videos zu konsumieren. Bei Kindern tritt die Phase des „selber machen“ schon früh auf und dass man die gut gemeinten Ratschläge der Eltern immer erst selber durch schlechte Erfahrungen untermauern muss, das ist allen bekannt. Dinge bleiben immer dann besser hängen, wenn sie mit einer eigenen Erfahrung verknüpft werden, denn das Gehirn speichert logischerweise alles viel stärker, je mehr Sinne und Tätigkeiten und Zeit damit verbunden sind. Was heißt das für die digitale Bildung und für die Entwicklung moderner Lernmedien?

Digitale Tools ermöglichen das eigenständige Arbeiten und können somit das Gelernte verstärken – wenn sie richtig genutzt werden. Es geht dabei nicht um „digital oder analog“, sondern um „was ist der beste Weg“. Das Gedruckte hat sich über Jahrhunderte als verlässliches Werkzeug beim Lernen erwiesen. Es hat einige usabilty-Tests mehr überstanden als andere Medien. Es gleich abzuschreiben wäre fahrlässig. Aber es fördert eben nur einen Zugang besonders gut, den des konzentrierten Lesens. Und wir wissen leider noch nicht, welche digitalen Werkzeuge am besten im Zusammenspiel mit dem Buch wirken. Wir verweisen auf einen älteren Beitrag, in dem wir die vier Empfehlungen von Amar Kumar von Pearson in der Analyse des digitalen Lernens aufgeführt haben:

1. Nutze die digitalen Analysen der Lernenden, um bessere Angebote zu erstellen.
2. Personalisiere die Angebote, um dem Lernenden die für ihn richtige Umgebung zu schaffen.
3. Schaffe Angebote, die nicht um einzelne Prüfungen herum zentriert sind.
4. Lerne die „guten und hilfreichen“ Tools von den „unnützen und zeitfressenden“ zu unterscheiden. Denn das wird eine der wichtigen Kompetenzen der Zukunft für Lehrende und Schulungsanbieter sein.

In diesem Sinne wollen wir hier drei Tools vorstellen, damit Sie prüfen können, in welchem Rahmen sie diese für Ihre eigenen Inhalte und Produktentwicklungen nutzen können. Die drei Startups sind im Wettbewerb CONTENTshift ausgewählt worden und werden in der nächsten Runde unter anderem auch auf der Buchmesse präsentieren.

 

WriteReader ist ein dänisches start-up, das Lehrer beim Sprachunterricht unterstützt. Die Lehrer haben ein eigenes Dashboard, in dem sie Unterstützung erhalten, andere Vorlagen herunterladen können und ihre eigenen Werke bearbeiten und hochladen können. Die Kooperation mit Sesamstraße liefert ein Beispiel für Content, der schon zur Verfügung gestellt wird. Noch wichtiger ist jedoch, dass die Schüler ihre eigenen Arbeiten ebenfalls hochladen und anderen zeigen können. Es ist ihr erstes, selber geschriebenes Buch.

 

Bei Contentshift sind dieses Mal startups in der Finalrunde, die diesen Prozess unterstützen. Am Beispiel von „we learn it“ und dem Horncastle Verlag hatten wir schon berichtet von einem Projekt vor vier Jahren, in dem Jugendliche selber tätig werden und dadurch besser lernen. Und auch booktype und deren Einsatz ihres CMS in norwegischen Schulen sind Belege für diese Thesen. Das Beispiel WriteReader geht in dieselbe Richtung: Das frühe Produzieren eigener Titel wird hier in den Vordergrund gestellt. Die Schüler werden in die Lage versetzt, ihre eigenen Inhalte hochzuladen und sofort auch selber auszuprobieren.

 

Der Lehrer kann schnell ein eigenes Buch anlegen, so wie die Schüler auch. Dabei kann er eigene Aufnahmen verwenden oder aus vorgegebenen Beispielen wählen. Die Schüler können in dem vom Lehrer vorgegebenen Buch die Wörter zu den Bildern so nachschreiben auf der Tastatur, wie sie denken. Die kleine Eule lernt das Schreiben durch ein „Nachtippen“ der Bilder und des Klangs. Sie darf dabei Fehler machen und die große Eule erklärt ihr dann, wie die richtige Schreibweise ist.Steht das eigene Produzieren bei WriteReader im Vordergrund, so ist Der Kontext ein Werkzeug, um Zusammenhänge anders sichtbar zu machen. Der dauernde Wechsel zwischen Vogelperspektive und Detailwissen ist nicht neu, prägt aber zunehmend die Wissensvermittlung. Denn die Vogelperspektive setzt einen Kanon voraus, eine klare Gliederung des gesamten Wissens, während zugleich die Details immer spezieller werden und kaum noch miteinander verknüpfbar erscheinen. Wer hat heute noch den Überblick? Von Universalgenies sprechen wir eigentlich seit Leipnitz nicht mehr.

 

Für Lehrende ist es deshalb immer wichtig, die Zusammenhänge zu vermitteln und das eigene Stöbern zuzulassen. Denn die Schüler und Studierenden brauchen einen Rahmen, müssen erfassen können, was alles dazugehört und verlangt wird von einem Thema – und zugleich müssen sie selber in die Tiefen eintauchen können. Dabei sind zwei Dinge relevant: Das Zoomen wird dann leichter, wenn ich immer weiß, wie ich zum Ausgangspunkt zurückkommen. Wenn dieser Ausgangspunkt ein Suchbegriff ist, dann entspricht das unseren Suchgewohnheiten bei Google – und nicht mehr das klassischen Katalogsuche in einer Bibliothek.

Diese Form der Relation ist ähnlich der von Contenteinheiten in Datenbanken. Anders ausgedrückt: Wenn wir von KI sprechen und uns ansehen, wie IBMs Watson uns neue Rezepte vorschlägt (mehr in diesem Beitrag), dann erfolgt das nach einem ähnlichen Prinzip. Die Häufigkeit von Relationen und die Nähe zu einem Thema sind harte Kriterien für den Algorithmus. Wenn dies hier mit kuratierter Führung zusammenkommt, dann sind das die Voraussetzungen für ein gutes Zusammenspiel von Mensch und Maschine.

 

Die Themen werden wie in einem Spinnennetz aufgefächert und können dann vertieft betrachtet werden. Der Nutzer kann den vorgeschlagenen Assoziationen folgen und immer wieder zwischen Vogelperspektive und vertiefenden Inhalten wechseln.

 

Einen anderen Weg geht L-Book, einer Lernplattform, die sich die Vorteile der eReader angesehen hat. Dort kann der Leser ja im Vergleich zum gedruckten Buch Wörter oder Textstellen markieren, nachschlagen, lernen. Nach diesem Prinzip lassen sich unterschiedliche Formate zum Text ergänzen und der Lesetext wird ergänzt. Ist das Prinzip einfach und klar, so können die Anwendungsfälle sehr breit gestreut sein. Vom Sprachlernen bis zur Erläuterung schwieriger Begriffe in einem literarischen Text reichen die Beispiele, von Bildern bis zu Audiofiles die Formate.

Im L-Book können die Inhalte ergänzt werden, je nachdem welche Formate das jeweilige Lesegerät unterstützt. Der Lesefluss bleibt erhalten und die Kunden können sich im linearen Lesen nach wie vor leicht orientieren. Je nach Content können jetzt die verschiedenen Formate eingespielt werden. Für Verlage ist das eine gute Vorlage, um zu erkennen, welche Inhalte wie abgelegt werden im CMS, um in den verschiedenen Formaten auch richtig ausgespielt zu werden.

 

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.

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