KI und Kreativität - kann KI kreativ sein?
21. February 2026 – veröffentlicht von: Harald Henzler
Stellen wir uns eine Welt vor ohne Menschen. In digitalen Speichergeräten ist alles Wissen der Welt gespeichert. Was hätte das für einen Sinn für uns?
Ohne einen Menschen, der das Wissen nutzt, ohne die Chance auf neues Leben, würde der Sinn fehlen.
Davon handeln zahlreiche dystopische Filme, Children of Men, I am Legend, oder Alles was wir geben mussten seien nur beispielhaft genannt. Sie spiegeln unsere Angst vor einem Ende, in dem es keinen Sinn mehr gibt, weil es auch keine Menschen mehr gibt. Oder sie stellen die Frage nach dem Sinn von Bildung und Wissen, wenn es nicht der Existenz des jeweiligen Menschen dient.
Über Jahrhunderte begleitet uns das Bild von Robinson Crusoe, dem Helden, der sich durch sein Wissen ein Leben auf einer Insel ermöglicht.
Robinson ist ein Held, denn er verbindet naturwissenschaftliches Wissen mit der Fähigkeit, es an anderem Ort anzuwenden. Dieses Prinzip wenden wir nach wie vor in unseren Bildungssystemen an.
Er befreit Freitag aus einer barbarischen Opferkultur und lehrt ihn, aus seiner unverschuldeten Unmündigkeit herauszufinden. Und auch wenn wir uns von den kolonialistischen Merkmalen dieser Haltung distanzieren, so besteht doch ein starker Glaube an die Fähigkeit der positiven Entwicklung des Menschen durch Wissen und Kultur.
Robinson verkörpert den Mythos des humanistischen, aufgeklärten Menschen.
Hätte Robinson ein Smartphone und eine KI zur Hand gehabt, wäre die Geschichte anders geschrieben worden.
KI verändert unseren Umgang mit Wissen. Sie stellt die Frage, wozu es uns noch braucht, wenn sie doch Informationen so viel schneller und oft auch besser verarbeiten kann.
Dann liegt es nicht mehr allein in Robinsons Hand, sich die Natur untertan zu machen, um zu überleben. Dann müsste er sich ganz schnell global wirkenden Einflüssen stellen und mit Hilfe einer KI Lösungen suchen für den Klimawandel, Wasserknappheit, Verschmutzung, terroristischen Angriffen und Cybersabotage.
KI prägt unsere Vorstellung von Wissen. Mit ihrer Hilfe können wir riesige Mengen an Informationen sichten, ordnen, klassifizieren, verdichten und in Handlungsanleitungen transformieren. Sie ermöglicht uns Helfer bei der Bewältigung vielfältiger Aufgaben.
KI prägt unser Handeln. Wir verändern unsere Gewohnheiten und passen unser Denken an. Wer noch die Streits von Ehepaaren bei der Suche nach dem richtigen Weg im Auto miterlebt hat, weiß, wovon die Rede ist: "Kannst Du keine Karte lesen?" Heute darf man die Stimme des Navigationsgeräts selbst wählen und die kuriosen Pannen bei der Nutzung dieser Geräte werden immer weniger.
"The medium is the massage": Der Druckfehler auf dem Titel von McLuhans Buch bewahrheitet sich. Jedes Medium prägt unser Verhalten. Das Medium selbst ist Teil der Botschaft, denn jedes Medium zeigt und verbirgt zugleich. So wie die deutsche Sprache auf die Welt zeigt und eine Haltung bewirkt, so machen es andere Sprachen auch, aber anders.
KI ist ein Werkzeug, das unser Verhalten verändert. KI ist Teil der Medienlandschaft. KI stellt die Frage, wofür wir stehen.
Wir müssen unsere Vorstellung von der Schöpfungshöhe menschlicher Kreativität überdenken. Sie ist die ökonomische Basis für die "creative industries". Ein Verlag erhält das Copyright von einer Autorin und verwertet dies in Form eigenständiger Produkte, die einen ökonomischen Wert haben. Davon profitieren beide.
Dieses System funktioniert nur noch bedingt. Denn die global operierenden KI-Anbieter haben andere Regeln gesetzt. Alles Wissen gehört jetzt plötzlich allen und einem Staubsauger gleich wird alles in den Dienst einer KI gestellt, um diese zu verbessern. Die Profiteure in diesem System sind die Anbieter einer KI.
Ohne Daten von Menschen kann KI nicht kreativ sein. Ohne KI können Menschen kreativ sein.
In einem wissenschaftlichen Aufsatz haben wir die in der Literatur diskutierte Vorstellungen von Kreativität im Zusammenhang mit KI-gesteuerten Tools und deren Auswirkungen auf das Marketing untersucht.
Dies kann beispielhaft stehen für viele andere Bereiche in der Gesellschaft.
KI verändert fast alle Aufgaben und Tätigkeiten in Bezug auf die Kommunikation mit und zu Kundinnen und Kunden. Die Unterscheidungen zwischen kombinatorischer, explorativer und transformatorischer Kreativität zeigen, dass KI kreative Ergebnisse hervorbringen kann, während eine neurowissenschaftliche und soziologische Betrachtung verdeutlicht, dass die emotionale Bewertung und Sinnstiftung menschliche Aufgabe bleiben. Dabei wird das Zusammenspiel von „synthetic“, „authentic“ und „hybrid“ Media den Markt bestimmen und die Rolle des bewertenden Kurators als wichtige Aufgabe im Marketing wird zunehmen. Als Folgerung wird deshalb vorgeschlagen, die Kategorie der Kreativität nicht in den Fokus zu rücken, sondern die Aufgabe der Bewertung und Sinnstiftung in Zukunft genauer zu untersuchen.
Unsere Thesen:
KI verändert den Arbeitsplatz in fast allen Branchen.
„Kreativität” wird besonders hervorgehoben, um die zukünftigen Aufgaben des Menschen im Vergleich zu Maschinen zu charakterisieren.
Wenn Kreativität daran gemessen wird, ob die Ergebnisse kreativer Prozesse neu und einzigartig sind, dann muss KI Kreativität zugeschrieben werden.
KI kann Ergebnisse liefern, die wir als kreative Leistungen bezeichnen. Menschen können mit Hilfe von KI in einem komplexen Prozess etwas Neues schaffen.
Ohne Daten von Menschen kann KI nicht kreativ sein. Ohne KI können Menschen kreativ sein.
Kreative Leistungen werden immer in einem sozialen Kontext bewertet.
Kreative Leistungen sind nicht per se positiv. Ihre Bewertung ist immer ein vorübergehendes Ergebnis der Abwägung von Werten, Regeln und Vorteilen für bestimmte Gruppen.
Menschen sind intentionale Wesen und schaffen Bedeutung durch und für die Gemeinschaft. KI kombiniert Daten mit Daten.
Es sind Menschen, die durch ihre Bewertung Bedeutung schaffen.
Kreativität eignet sich nicht als Kategorie für eine differenzierte Betrachtung.
Der Fokus sollte auf der Festlegung von Werten liegen.