App-Entwicklung: Nativ, Web oder Hybrid? Teil 3: Der richtige Entwicklungspfad

Im ersten Teil unserer Artikelserie zur App-Entwicklung haben wir vor allem die Umsetzung nativer Apps betrachtet, im zweiten Teil die Vor- und Nachteile von Web-Apps und hybrider App-Entwicklung diskutiert. In einem neuen Projekt stellt sich natürlich immer die Frage, welcher Entwicklungspfad konkret gewählt werden soll. Auch dazu möchten wir Ihnen im dritten Teil unserer Artikelserie unsere Erfahrungen aus Projekten der letzten Jahre zusammenfassen:

Trends und Tendenzen in der App-Entwicklung

In der Produktentwicklung der letzten Jahre sind folgende Entwicklungen zu beobachten, die bei Projektierung und Design von App-Projekten eine Rolle spielen:

  • Performance-Themen spielen eine geringere Rolle als früher, dafür werden die Hybrid-Frameworks immer besser. Für viele Applikationen mit Content-Schwerpunkt gibt es in dieser Hinsicht keine zwingende Notwendigkeit mehr, immer und in jedem Fall nativ zu entwickeln. Auf der anderen Seite zeigen viele aktuelle Studien (zuletzt der Mobile Overview Report des Analytics-Anbieters scientiamobile) die ungeheure Fragmentierung des Hardware-Marktes, vor allem im in Deutschland traditionell starken Android-Bereich. Bei weitem nicht jeder Nutzer ist mit dem neuesten und besten Smartphone unterwegs – vor allem bei Zielgruppen wie Jugendlichen muss eine App daher auch verlässlich auf relativ günstigen Geräten lauffähig sein.
  • Schnittstellen und Interoperabilität spielen für viele funktionsorientierte App-Modelle eine immer größere Rolle: Das betrifft sowohl den Datenaustausch zwischen Apps, als auch eine tiefe Integration von Betriebssystem-Diensten – insbesondere bei hohem Innovationsanspruch einer Applikation oder eines Service. Für viele Anwendungsfälle muss eine App nicht nur in sich gut funktionieren, sondern auch mit allen relevanten zusätzlichen Diensten Daten austauschen können, um ihren vollen Wert zu entfalten.

Die Umsetzung von App-Schnittstellen im RSS-Feedreader Feedly: Die App ist nicht nur deswegen so beliebt, weil ihre Kern-Funktionalität hervorragend implementiert ist, sondern auch, weil sie mit mehr oder weniger jeder gängigen anderen Anwendung Daten austauschen und synchronisieren kann. (Quelle/Copyright: feedly.com)

 

  • Die App-Nutzung beim Kunden intensiviert sich zwar in Bezug auf die Nutzungszeit, verengt sich aber gleichzeitig auf relativ wenige parallel genutzte, zumeist bereits bekannte Apps. Neue Apps und Dienste müssen einen hohen Kundennutzen beweisen, damit der Nutzer eine Installation auch nur in Betracht zieht.
  • Um jeweils eigene Versionen für Android und iOS kommt man nur in wenigen, sehr speziellen Zielgruppen herum – zumeist braucht man die Android-Version für die Reichweite und die iOS-Version fürs Geld verdienen. Für die aktuelle Markteinschätzung der App-Stores empfiehlt sich dazu beim Projektstart auch jeweils ein Blick in die Auswertungen von App-Analytics-Anbietern wie App-Annie oder Flurry.
  • Für den Vertrieb von Apps ist eine App-Store-Präsenz aufgrund der Probleme bei der Sichtbarkeit und der schlechten Vermarktungsmöglichkeiten innerhalb der Stores immer weniger hilfreich. Dafür sind Content-orientierte Angebote immer mehr auf SEO und Sichtbarkeit außerhalb von Content-Silos angewiesen. Hat ein Modell seinen Schwerpunkt auf den Inhalten, ist oft gut zu überlegen, ob es wirklich eine Mobile-App sein muss – oder ob man sein Budget nicht lieber in die mobile Optimierung seines Web-Auftritts steckt.
  • Ganz zentral für die Akzeptanz beim Kunden sind optimale Usability und Anpassung an den Use Case – schlechte Apps werden vom Kunden mittlerweile schnell erkannt und abgestraft. In der Projektierung sollte deswegen unbedingt ein starker Fokus auf Entwurfsprozess, Design und Storytelling liegen. Hervorragende Usability und exzellentes Design sind für Apps inzwischen keine Alleinstellungsmerkmale mehr – eine erstklassige Implementierung wird von Kunden schlicht erwartet. Die aktuellen Herausforderungen im mobilen Usability-Design werden von mobilbranche.de im Interview mit der App-Designerin Melinda Albert gut zusammengefasst. Auch ein ausführlicher Methoden-Artikel vom Smashing Magazine zeigt auf, warum es für Auftraggeber und Produktmanager eine gute Idee ist, sich im Detail in den Entwicklungs- und Design-Prozess des Produktes einzubringen.

App-Entwicklung Schritt für Schritt: ganz wichtig ist die iterative Entwicklung und schrittweise Optimierung eines einmal entworfenen Modells – vor allem im laufenden Betrieb und natürlich auf Basis von echten Nutzungsdaten. (Quelle/Copyright: smashingmagazine.com)

 

  • Innovative Technologien wie App-Indexing zur Verbesserung der Suchbarkeit, Progressive Web Apps zur Optimierung von Web-App-Modellen oder die ganz neu eingeführten „Android Instant Apps“ können eine Hilfe sein auf der Suche nach dem geeigneten Entwicklungspfad. Aber bei der Bewertung ist immer Vorsicht geboten, ob hier nicht am Ende doch das Marketing der Anbieter besser war als die tatsächliche technische Lösung.
  • Die Apps großer Anbieter – insbesondere Social-Network-Apps und Messenger-Anwendungen – werden immer mehr zu universellen Integrationsplattformen für andere Dienste und Drittanbieter-Angebote. Für einige, insbesondere serviceorientierte Modelle kann es sinnvoll sein, gar keine eigene Applikation in den Markt zu bringen, sondern sich in solche Plattformen per Schnittstelle einzuklinken.

Welche Produktform ist die richtige für mein Projekt?

Wie aus der Charakterisierung der verschiedenen App-Typen deutlich geworden ist, gibt es nur wenige ganz eindeutige Kriterien, die die Entscheidung für einen der Entwicklungspfade nahe legen. Zu sehr spielen in der Praxis viele verschiedene Aspekte eine Rolle, sei es die optimale Funktionalität für den Kunden, die Anpassung an ein bestimmtes Zielgruppen-Profil, die Notwendigkeit für ein bestimmtes Vertriebs- oder Geschäftsmodell oder auch die Verzahnung mit anderen Teilen des Produkt-Portfolios. Und auch im Hinblick auf den Anteil von Content und Funktionalität sind jedes Projekt und jeder Anwendungsfall noch einmal anders zu bewerten.

Zusammenfassend kann man dabei von folgenden Leitlinien ausgehen:

Funktionen

  • Je wichtiger der Bereich der Funktionen, die hoch optimierte Unterstützung eines mobilen Anwendungsfalls oder die Nutzung von zentralen Schnittstellen und Systemdiensten der Mobilbetriebssysteme ist, umso mehr spricht für eine rein native Implementierung unter iOS und Android.
  • Je Content-zentrierter eine Anwendung in Bezug auf ihren Kundennutzen ist, je mehr sie mit dem Content- und Interaktions-Modell mit einer Website oder Online-Datenbank vergleichbar ist und je mehr Sichtbarkeit im Netz und SEO-Aspekte eine Rolle spielen – umso mehr spricht für eine Web- oder Hybrid-App.

Geschäftsmodell und Vertrieb

  • Je besser die Applikation vom Geschäftsmodell und von den Vermarktungsmechanismen her in das Vertriebsmodell der App-Stores passt, umso mehr spricht für eine native Entwicklung.
  • Je mehr Direktvertrieb, direkter Kundenkontakt oder die Hoheit über Kundendaten für Ihr Geschäftsmodell eine zentrale Rolle spielt, umso mehr spricht für eine Web- oder Hybrid-App.
vergleich-app-modelle

Die Entscheidungskriterien für ein App-Modell im Überblick: Zentrales Thema ist der Schwerpunkt auf Content oder auf Funktionen – daneben spielen die Details des Use Cases und das angestrebte Vertriebs- und Vermarktungsmodell eine wesentliche Rolle.

 

Wohin bewegt sich der App-Markt?

Unsere Markteinschätzung der App-Stores haben wir zu Anfang des Jahres zusammengefasst. Daneben sind die regelmäßig erscheinenden Auswertungen von App-Analytics-Anbietern wie App-Annie oder Flurry immer eine gute Quelle für die aktuelle Marktentwicklung. Darüber hinaus sind uns jüngst folgende lesenswerte Studien und Artikel aufgefallen:

  • Der Mobile Benchmark Report von Adjust zeigt vor allem die Tendenz, dass Nutzer mittlerweile weniger einzelne Apps verwenden als früher, dafür aber mehr Zeit mit ihnen verbringen. Zentral für eine langfristige Monetarisierung ist also eine gute Nutzerbindung und eine Erhöhung des Engagements.
  • Der Mobile Overview Report des Analytics-Anbieters scientiamobile gibt einen guten Überblick über die mobile Geräte-Landschaft in Europa und zeigt, wie frappierend hoch in den mobilen Ökosystemen der Anteil des Web-Traffic ist, der alleine von der Facebook-App verursacht wird.
  • Der Adobe Digital Insights Report beschreibt vor allem die besondere Situation von Europa: Gegenüber anderen globalen Märkten ist die App-Nutzung hier (noch) im Aufwind; gleichzeitig wird aber auch die ausgesprochen schwierige Monetarisierung deutlich.
  • Der Artikel „Current Trends And Future Prospects Of The Mobile App Market“ aus dem Smashing Magazine legt seinen Schwerpunkt auf die verschiedenen mobilen Geschäftsmodelle und Monetarisierungsformen und zeigt auf, welche davon wie gut funktionieren.
  • Der Artikel „What to expect from the app market this year“ betrachtet die verschiedenen App-Genres und gibt eine Prognose ab, welche davon aktuell boomen (Shopping-Apps, Medien-Streaming, Online-Banking).

Die weltweite Entwicklung der App-Downloads über die letzten Jahre: Der Markt legt nach wie vor kräftig zu, allerdings profitiert davon vor allem Apple, was die Umsätze angeht – trotz des deutlich höheren Absatzes im Google Play Store. (Quelle/Copyright: appannie.com)

 

Sie wollen mehr wissen?

Wenn Sie Bedarf an weiterem Know-how für Ihre App-Projekte haben, sehen Sie sich neben dem ersten Teil unserer Artikelserie zur Umsetzung nativer Apps und dem zweiten Teil zu Web-Apps und hybrider App-Entwicklung gerne auch unsere Seminare im Programm der Akademie der deutschen Medien und bei der XML-Schule an, z.B. im Mai 2017 zum Thema „Web oder App? Digitale Content-Produkte entwickeln und umsetzen“. Daneben stehen wir Ihnen natürlich für Projektberatung, Inhouse-Seminaren und Workshops zur Verfügung – kommen Sie dazu gerne jederzeit auf uns zu!

Veröffentlicht von

www.dpc-consulting.de

XML- und Digital-Publishing-Professional mit Leib & Seele, seit Berufseinstieg in verschiedensten Projekten rund um Content-Management und Datenbank-basiertes Publizieren unterwegs. Seit 2012 selbständig als Berater und Trainer für digitales Publizieren.

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