Von der Musik zum multimedialen Kunstwerk – ein Vorbild für Bücher?

logoBranchen wie die Musik- und Filmindustrie oder auch der Videospiele-Bereich mussten sich bereits weit vor der Buchbranche der Digitalisierung stellen: Produkte wie CDs und DVDs konnten verlustfrei kopiert werden. In der Folge mussten alternative Produktformen entwickelt werden. Daneben sorgte das mobile Internet für eine Beschleunigung der Vermarktung.

Mittlerweile ist aber die Zeit vorbei, in der das Entstehen neuer Produkttypen reiner wirtschaftlicher Notwendigkeit entspringt. Spannend sind die Produkte, die aus der Kooperation mit anderen Bereichen der bildenden Künste entstehen können.

Denn längst sind Medienmix und Mashups für die Digital Natives gewohnte Mechanismen, die genutzt werden können, um bestehende Zielgruppen zu halten und jenseits davon neue Käuferschichten neben den Buchladen-Gängern zu erschließen. Welche Anregungen aus anderen Branchen und Medienformen können auch für Buchverlage interessant sein?

 

Merchandising und mehr

Es ist eine Binsenweisheit in der Musikbranche, dass für die allermeisten Bands mittlerweile Konzert-Tourneen und Merchandising mehr Umsatz bringen als der Verkauf von CDs und MP3-Downloads. Neben exzessiven Touren und der Entwicklung einer eigenständigen Live-Performance-Kultur wie etwa durch die Bands Bonaparte und Deichkind haben sich jedoch auch die Merchandising-Artikel gemausert. In den letzten Jahren sind Band-T-Shirts von der  Zweitverwertung des Plattencovers zu Design-Objekten geworden, die ebenso liebevoll gestaltet werden wie das Artwork zum Tonträger. In Kooperation mit Künstlern, Grafikern und Designern entstehen so ganze Kollektionen von Fan-Artikeln, die auf Touren verkauft werden und ein eigenes wirtschaftliches Standbein darstellen.

Auch Poster und Album-Artworks haben mittlerweile für viele Bands einen eigenen Stellenwert: Bei Rock-Bands wie “…And you will know us by the trail of dead” wird nicht nur das komplette Artwork liebevoll von Sänger Conrad Keely gestaltet, auch Editionen seiner Zeichnungen werden auf den Konzerten als signierte und nummerierte Drucke für bis zu 100€/Stück verkauft. Ebenso sind für Bands aus ganz anderen Musikstilen wie etwa “Kaizers Orchestra” oder “Russian Circles” aufwändig gestaltete Kunstdrucke selbstverständlich Teil des Merchandising-Sortimentes.

Artwork von Conrad Keely

Zwar kann man sich das “T-Shirt zum Buch” nur bei wenigen Veröffentlichungen sinnvoll vorstellen – am ehesten noch bei Titeln aus dem satirischen Bereich. Aber würde man für die Gestaltung von Buchcovers, Illustrationen und ähnliches stärker den Austausch mit der bildenden Kunst suchen, könnte hier Bildmaterial entstehen, das in Analogie zum Band-Merchandising auch als eigenständiges Produkt sinnvoll ist. Ob man dann eher beim Billigprodukt, d.h. dem Poster für 5 €, oder dem hochwertigen Kunstdruck für 3-stellige Beträge landet, ist vor allem eine Frage der Zielgruppe bzw. der ästhetischen Form des Produktes. Entsprechend anspruchsvolle Gestaltung vorausgesetzt, sind dabei Kooperationen von Autor und Künstler möglich, die über die reine Erstellung von Werbematerialien weit hinaus gehen. Spannend kann dabei kommerziell gesehen zweierlei sein: Die Produkte sind mittlerweile zu sehr geringen Gestehungskosten produzierbar, erlauben jedoch relativ hohe Preise und damit hohe Spannen. Gleichzeitig entsteht mit jedem Produkt wieder eine Werbefläche im Markt.

 

Kooperationen der bildenden Künste

Vermischen sich verschiedene Kunstformen zu neuen Ausdrucksweisen, wird es in der Regel spannend für jeden Grenzgänger. Eine Band wie die schottischen Mogwai bedient sich hier jeglicher Facetten: Vom Soundtrack und der Video-Kollektion, die für eine Serie des französischen Senders Chanal+ geschrieben wurde, bis hin zur Zusammenarbeit mit Performance-Künstlern reicht hier die Spannbreite. Mit dem Projekt “Monument for a Forgotten Future”, das zusammen mit Olaf Nicolai und Douglas Gordon für die Emscherkunst.2010 realisiert wurde, gab es eine Premiere für das Genre “der Soundtrack zur Skulptur”.

Das Mashup von Lyrik und Videokunst dagegen realisierte der amerikanische Autor Billy Collins: Anstelle einer einfachen Dichterlesung entstand aus einer Kooperation mit Filmemachern und Animationskünstlern eine Reihe von Visualisierungen seiner Gedichte, die recht eindrücklich deutlich machen, welcher ästhetische Mehrwert aus dieser Art von Kollaboration resultieren kann. Die hier erstellten “Animated Poetries” können ohne Zweifel als eigene Kunstform gelten und wären beispielsweise ideale Bonustracks für Hörbücher, DVD-Editionen oder enhanced eBooks. Von der Nutzung von Youtube als Marketing-Channel einmal ganz zu schweigen.

 

Content Co-Creation

Der isländischen Band Sigur Ros, ohnehin Meister in der Nutzung aller denkbaren Social Media-Kanäle, gelingt es immer wieder, ihre Fan-Community auch für User generated content-Projekte einzubinden. Ein einfaches Beispiel ist die Einbindung des Instagram-Hashtags #sigurroslive in ihre aktuelle Toursite. Zusammen mit den eigenen Photos der Band entsteht so eine Tour-Dokumentation, die sowohl eine Beteiligung der Community beinhaltet, als auch eine attraktive Aufwertung der eigenen Plattform bedeutet. Und womöglich startet hier bereits die Materialsammlung für die nächste Collectors Edition-Veröffentlichung.

Ein anspruchsvolleres Projekt ist das “Video-Experiment” zur aktuellen CD “Valtari”. Hier wurden sowohl bekannte Videofilmer aufgefordert, Songs der Band zu verfilmen, als auch ein Fan-Contest für eigene Video-Drehs gestartet. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass hier nicht nur die Einbindung der eigenen Kunden erreicht wurde, sondern auch Filme dieser Art über den berühmt-berüchtigten verwackelten Youtube-Bodensatz weit hinaus geht. Ähnliches erreichte auch die Band Pelican, die bei Ihrem letzten Album gleich den ganzen Video-Dreh an ihre Fan-Community “extern vergeben” haben – mit z.T. überaus beeindruckenden Ergebnissen.

sigurros

 

Vorbilder für die Buchbranche?

Nutzbar sind diese Möglichkeiten sowohl für die Vermarktung wie auch für die Entwicklung neuer Produktformen:

  • “Collectors Editions”: Längst ist es bei CDs oder Videospielen gängig, aufwändig gemachte Sondereditionen zusätzlich zu regulären Veröffentlichungen auf den Markt zu bringen. Was spräche gegen eine ebenso liebevoll und aufwändig gemachte Sonderausgabe eines Buchtitels zur Line-Extension? Mit verschiedenen Varianten, sozusagen “enhanced Print” und “enhanced eBook” nebeneinander?
  • Lesung 2.0: Über die klassische Autorenlesung hinaus wäre es denkbar, diesem Veranstaltungs-Genre durch Vermischung mit anderen Medien zu neuen Formen zu verhelfen, sei es durch Gestaltung als Multimedia-Event, Lese-Events in virtuellen Räumen wie z.B. bei Second Life, oder auch über Kooperationen mit Fernsehsendern wie sie z.B. Frank Schätzing mit seinen Terra-X-Sendungen realisiert hat.
  • Content-Co-Creation: Das Video hat für Buchprodukte natürlich eine andere Bedeutung als für Musik, wo das “Video zum Stück” bereits lange eine etablierte Form ist. Aber auch hier ist die Einbindung von Fan-Communities denkbar: Warum nicht einmal einen Fanwettbewerb für einen Buchtrailer starten? Fotowettbewerbe z.B. zu Regionalkrimis ausschreiben, und die Ergebnisse direkt in die Produkt-/Autoren-Seite einbinden?
  • Grafik, Malerei, Artwork: Aus der Kooperation von Autoren und Künstlern könnten sowohl attraktivere Buchgestaltungen, wie auch eigenständige Produktformen entstehen. Bis hin zur Verknüpfung von Vernissage und Lesung oder inhaltlicher Zusammenarbeit sind hier vielfältige Ansätze denkbar.

Insgesamt sind alle diese Beispiele sicher keine Königswege zum warmen Goldregen – sehr wohl aber Anregungen zur kreativen Kooperation mit anderen Medien- und Kunstformen. Auf diese Weise können neue Wege entstehen, aus der Vermischung von Text-basierten Produkten und anderen Formen des ästhetischen Zugangs das Buch neu zu erschließen. Wenn das Produkt auf diesem Weg spannender und reizvoller wird – dann wird die Nutzung der Medienelemente für den Vermarktungskanal umso leichter.

Veröffentlicht von

www.dpc-consulting.de

XML- und Digital-Publishing-Professional mit Leib & Seele, seit Berufseinstieg in verschiedensten Projekten rund um Content-Management und Datenbank-basiertes Publizieren unterwegs. Seit 2012 selbständig als Berater und Trainer für digitales Publizieren.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wir veranstalten solche Lesungen mit unsererGrppe den “Brennenden Buchstaben” in SecondLife schon seit drei Jahren.

    Einige Beispiele:

    Michael Meisheit liest aus seinem Roman „Soap“, einer Persiflage auf die Medienindustrie natürlich in einem Fernsehstudios:

    http://kueperpunk2012.blogspot.de/2013/03/soap-im-krumelkram.html

    Karl Olsberg stellt seinen Roman „Mygnia“ in der passenden Kulisse einer exotischen Welt vor:

    http://buktomblog.blogspot.de/2013/03/mygnia-lesung-sl-karlolsberg.html

    E.M.Jungmanns Lesung aus ihrer Space Opera „Jenseits von Ninive“ auf einer Raumstation:

    http://kueperpunk2012.blogspot.de/2013/03/lesung-mit-emjungmann.html

    Ahmad Zia Hadi liest Lyrik im Original vor einem „Lesebaum“:

    http://kueperpunk2012.blogspot.de/2013/03/bilingual-und-multikuturell-die-lesung.html

    Rael Wissdorf präsentiert seinen Fantasy Roman „Yanthalbor“ in einem mittelalterlichen Hafen

    http://kueperpunk2012.blogspot.de/2013/02/buktom-war-wieder-eifrig-viele-bilder.html

    Inszenierung der Kurzgeschichte „DebuggingYou“ von Thorsten Küper als Theaterstück:

    http://buktomblog.blogspot.de/2013/01/sl-secondlife-theater-koeln-kueperpunk.html?spref=fb

  2. Guten Tag.
    es heißt hier zum Punkt “Lesung 2.0: Über die klassische Autorenlesung hinaus wäre es denkbar, diesem Veranstaltungs-Genre durch Vermischung mit anderen Medien zu neuen Formen zu verhelfen, sei es durch Gestaltung als Multimedia-Event, Lese-Events in virtuellen Räumen wie z.B. bei Second Life,…”
    Dies kann ich in Bezug auf Lesungen in SL und angrenzenden Welten nur bestätigen. Zudem besteht die Möglichkeit, vorab und als “Nachklapp” zu selbigen, darüber in Blogs (inkl. twitterverweise auf diese), auf youtube, in facebook, Google plus, auf wkw, usw. zu berichten, bzw. darauf hin zu weisen.
    Die Zuhörer_innenzahlen sind nicht schlechter als in dem Leben, das man das reale nennt – die entsprechenden “Ausstrahlungseffekte” kommen hinzu.
    Weiterhin gibt es die Option “crossworld – Veranstaltungen” zu organisieren, sprich z.B. reale Lesungen durchzuführen und diese zeitgleich nach SL zu streamen. Oder auch umgekehrt …
    MfG
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.
    aka
    BukTom Bloch
    – Freie Bibliothek Pegasus in Second Life (SL) –