Start-ups und die Verlagsbranche – disruptive Geschäftsmodelle in der Übersicht

Am Freitag hatten zehn Start-ups im Programm CONTENTshift des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Pitch Ihre Geschäftsmodelle vorgestellt. Alle zehn haben das Potenzial, Neues zu entwickeln und die Erstellung, Organisation und Distribution von Content anders zu denken. Nur fünf konnten ausgewählt werden, die in den nächsten drei Monaten mit den Juroren und ihren Unternehmen neue Wege der Zusammenarbeit testen. Auf der Buchmesse wird aus den fünf Finalisten dann ein Gewinner gekürt.
Unabhängig vom Ausgang lohnt sich der Blick auf die Szene und die Überlegungen hinter den Start-ups. Wir dürfen diese in den nächsten Monaten als Coaches begleiten und stellen sie in der Folge kurz vor.

Die fünf Finalisten heißen eKidz.eu (ein digitales Sprachlabor für Kinder zur Förderung der Lesekompetenz),. MindZip (eine App zum nachhaltigen Verinnerlichen von Wissen), Scienceroot (ein Blockchain-Ökosystem für wissenschaftliches Arbeiten), Sigmund Talks (ein individualisiertes Contentmarketing via Chatbot) sowie SummarizeBot (die semantische Analyse und Aggregation von Content).

eKidz.eu schickt sich an, Kindern das Lesen leichter beizubringen. Dazu gibt es eigene Lesetexte, die aufeinander aufbauen und von Autoren extra geschrieben wurden. Im Unterricht kann ein Lehrer nur wenigen Schülern die Möglichkeiten geben, ihre Texte vorzulesen. Mit dieser App können die Schüler individuell zu Hause lernen und werden dabei begleitet. Im Unterschied zu bestehenden Angeboten erhalten die Schüler dabei eine Lesehilfe, die mit ihnen den Text im geeigneten Rhythmus liest. Text für Text baut sich somit die Kompetenz auf. Vor allem im Fremdsprachenunterricht und der Förderung von Kindern, denen das Lesen lernen nicht so leicht fällt, bieten sich hier Anwendungsfelder an. Und denkt man an die zunehmende Befehlseingabe über Dienste wie Alexa, Google Home oder Siri, dann wird es wichtig sein, Kinder auch in diesem Umfeld klug zu begleiten und nicht alleine zu lassen.

 

 

Bücher sind Wissensspeicher und je mehr man davon behält, desto wertvoller erscheinen sie einem. Das ist der Ausgangspunkt von mindzip. Im Kampf um die Aufmerksamkeit der Kunden wird es für die Buchbranche auch darum gehen, jeden Halm zu ergreifen, der die Attraktivität von Büchern hochhält. Die Nutzer können ihre Zusammenfassungen hochladen und die von anderen nutzen, um sich durch einprägsame Sätze das Wesentliche zu merken. Durch die üblichen Mechanismen auf sozialen Netzwerken ergeben sich Messgrößen für die Bewertung der Qualität.

Das wissenschaftliche Publizieren befindet sich schon länger im Umbruch: Die Universitäten zahlen ihren Angestellten (=Dozenten) das Gehalt, damit diese in ihrer Arbeitszeit Artikel und Bücher schreiben, die von Wissenschaftsverlagen veröffentlicht werden, um sie teuer an die Bibliotheken der Universitäten zu verkaufen. Die Verlage müssen fürchten, als “middleman” ersetzt zu werden, sei es durch OER und open access, sei es durch Plattformen wie researchgate oder academia. Scienceroot setzt hier an, indem es mit Hilfe der blockchain-Technologie die Zusammenarbeit unter den Wissenschaftlern dadurch verändert, dass es zum Austausch auch noch ein Belohnungssystem gibt, das über den impact-Faktor hinausreicht.

Verlage steuerten über Jahrhunderte den Kommunikationsprozess. Sie waren der Türsteher bei der Verbreitung von Informationen. Jetzt kann jeder mit wenig Aufwand Informationen erstellen und distribuieren, braucht dabei aber Beratung. Sigmundtalks ist ein Chatbot, der den Kunden bei der Auswahl und Erstellung von Content begleitet. Dieser kleine Bruder von Alexa will durch eine Konzentration auf einen Teilprozess der Contentproduktion das leisten, was gute Verleger und Lektoren früher gerne bei einem Glas Rotwein mit ihrem Autor besprachen oder Agenturen teuer an ihre Großkunden verkaufen. In der Kombination von Kuratierung und Automatisierung können hier Chancen für neue Anbieter liegen.

KI, machine learning, blockchain… Summarizebot bietet gleich mehrere Schlagwörter aus der aktuellen Diskussion um die Technologien der Zukunft. Und auch hier bewegt die Verlagsbranche die Frage, an welcher Stelle Inhalte von Menschenhand kuratiert und wo von Maschinen erstellt und bewertet werden. Summarizebot bietet Zusammenfassungen von Texten an sowie die Analyse der keywords und Haltung, die aus dem Text spricht. Dabei kann der Kunde die Granularität selber festlegen und aus den am häufigsten gesprochenen Sprachen auswählen. Wer denkt hier nicht an die vielen Texte, die von Kanzleien ausgewertet, von Wissenschaftlern als abstracts formuliert oder von Lektoren als Inhaltsangabe formuliert werden?

 

 

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.