Discoverability: Flipintu und My independent bookshop – zwei Beispiele

“Discoverability” lautet das Schlagwort der Stunde, denn wenn der klassische Handel zusammenbricht, dann schauen die Kunden über Google und Amazon, was es denn so gibt. Amazon investiert weiter fleißig in das digitale Kaufhaus der Zukunft und bringt mit dem Zauberstab dash ein Werkzeug in die Küche, das von allen einfach genutzt werden kann und auch Experten begeistert.

Kunden sollen künftig durch das Scannen ihrer vorhandenen Produkte ganz schnell auch den digitalen Lieferservice Amazons nutzen können. Dieses kostenlose Küchengerät hat dann denselben Effekt wie die Kindle-Serie: Durch günstige Hardware werden viele Produkte gekauft. Und Amazon macht seiner Geschäftslogik entsprechend Buchkäufer zu Klopapierbestellern und umgekehrt.

Währenddessen kämpft der hiesige Buchhandel zusammen mit den Verlagen an den Themen Metadaten in der Initiative VLB+ und der Integration von lokalen Buchhändlern in das Onlinegeschäft. In dem Zusammenhang sind Initiativen interessant, die neue Wege gehen wollen. Wir stellen zwei vor, wobei wir bei flipintu auch selber mitwirken und aus dem Nähkästchen plaudern können.

Flipintu ist in der Open-Beta-Version gestartet. Es ist eine Plattform zum Entdecken von Büchern und anderen Inhalten: Der Leser definiert, was ihn interessiert und der Algorithmus von Flipintu stellt bei jedem Aufruf der Website eine neue Auswahl von Inhalten (Büchern, Blog- und Zeitschriftenartikel) zu diesen Themen zusammen.

 

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Die Startseite von Flipintu: Die Auswahl der Titel und Artikel beruht zunächst einmal auf den Angaben des Nutzers, der zu jeder Kategorie auch detaillierte Unterkategorien auswählen kann. (Quelle/Copyright: Flipintu)

 

Später werden die tatsächlich angeschauten, markierten oder auch gekauften Inhalte für ein immer genaueres Leserprofil herangezogen. Je öfter ein Kunde die Plattform benutzt, desto besser wird der angebotene Mix aus Büchern und Artikeln, desto interessanter ist es für den Leser auf der Plattform bzw. in seinem so personalisierten Magazin zu bleiben und zu lesen.

Für das Anlegen individueller Sammlungen von Lesestoff stehen die so genannten Flipstacks, eine Art Bücherregal, zur Verfügung. Später wird hier auch der geplante eBook-Reader integriert sein, so dass  der Nutzer seine Bücher aus seinen Bücherregalen direkt in den Reader importieren kann. Vom Entdecken über das Kaufen und das Lesen sind so alle Schritte der Nutzung von Inhalten in der Web-Anwendung integriert.

 

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Der personalisierte Flipstack von Flipintu. (Quelle/Copyright: Flipintu)

 

Auch Verlage können „Regale“ auf die Plattform stellen. In den „Channel“ genannten Bereichen lassen sich Verlagsprogramme mit allerlei zusätzlichem Lesestoff für die potentiellen Kunden attraktiv präsentieren.

Channel dienen dann auch dazu, die Kunden für einen Verlag direkt erreichbar zu machen. An die Abonnenten des hauseigenen „Krimi Kanals“ kann der Verlag so direkt kommunizieren und den neuen Titel des Lieblingsautors oder eine sonst irgendwie zu den Vorlieben des potentiellen Kunden passende Neuerscheinung zielgenau präsentieren.

 

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Ein Verlagschannel in Flipintu, hier am Beispiel von dotbooks. (Quelle/Copyright: Flipintu)

 

Schon jetzt kann man einige der bekanntesten Blogger aus dem Buchbereich mit ihren Rezensionen auf Flipintu finden. So stellt z.B. Steffi Leo, die Frau hinter buecherkinder.de, über 1.500 Rezensionen von ihren Redaktionsmitgliedern bereit.

Aber auch mit den großen Tageszeitungen und Magazinverlagen laufen Gespräche. Schon bald sollen neben Büchern auch ePaper und E-Books einiger großer Häuser auf Flipintu bereitstehen. Das Konzept hier ist: Kostenlose Artikel kombiniert mit Paid Content aus dem Bestand des jeweiligen Verlagshauses. Ein Modell, das durchaus auch für Buchverlage funktionieren könnte.

Um auch Bloggern nicht nur Reichweite zu bieten, sondern auch die Möglichkeit, ihre Inhalte zu monetarisieren, gibt es auf Flipintu einen sogenannten Kiosk.

Ein Kiosk ist so etwas wie das eigene Bücherregal als Verkaufsstelle. Alles was ich dort zeige, kann von meinen Lesern auch gekauft werden. Es ist gewissermaßen ein „kommerzieller“ Flipstack, in dem alle Bücher einen „Buy“-Button haben. Als Widget lässt er sich überall dort implementieren, wo man HTML-Code verwenden kann; also im eigenen Blog, auf einer Website aber auch auf einer Facebook Page. Der Fan oder Follower eines Bloggers kann dann direkt auf der entsprechenden Website ein empfohlenes Buch kaufen. Das Ganze funktioniert dann wie ein Affiliate Link, Flipintu liefert das Buch aus und zahlt dem Verkäufer, über dessen Kiosk ein Verkauf gelaufen ist, eine Provision.

 

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Das Widget zum Einbinden von Flipstacks in die eigene Website: Die Buchauswahl kann sowohl für Social Sharing verwendet, als auch im “Kiosk-Modus” für die Monetarisierung durch das Affiliate-Modell benutzt werden. (Quelle/Copyright: Flipintu)

 

Die Pflege des eigenen Kiosks läuft dann wieder über den Flipstack. Wird ein Buch hinzugefügt, erscheint es automatisch in allen verbundenen persönlichen Kiosken. Nach diesem Prinzip ist auch die Integration von Buchhandlungen denkbar, die ihr Regal vorstellen, ihre besonderen Titel und so auf sich verweisen.

Geplant sind für dieses Jahr noch ein Social Reader als Erweiterung des integrierten eBook-Reader-Moduls und die Weiterentwicklung der vorliegenden Funktionalitäten.

Fazit:

  • Kuratieren + digitale Suche: Die Suche nach Inhalten wird durch die Entwicklung eines eigenen Algorithmus verbessert und soll in Zukunft mehr können als vergleichbare Angebote. Und das bleibt nicht bei der Produktform Buch stehen.
  • Der Leser wird zum Multiplikator und Verkäufer: Die Sichtbarkeit von Titeln wird verbessert durch das Zusammenspiel von Verlagen, Bloggern, Autoren und Lesern. Leseproben geben dem Kunden Vertrauen, durch das Teilen und das Verkaufen der “eigenen” Lieblingstitel werden sie zu Beteiligten.
  • All in one: Der Kunde kann stöbern, lesen, teilen und kaufen. Und muss dafür nicht die Plattform wechseln.

 

Bei My Independent Bookshop ist der Name Programm. Noch ist die die Betaversion nur wenigen zugänglich, aber das Prinzip ist klar: Man versucht die Fähigkeit der Empfehlung durch lokale, begeisterte BuchhändlerInnen zu nutzen und bietet diesen eine e-Commerce-Plattform zu ihren mehr oder minder guten Aktivitäten im Netz. Man kann “online lokal” kaufen.

 

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My Independent Bookshop: Noch in der Closed Beta, aber bereit für Web-assistiertes Buy Local. (Quelle/Copyright: http://www.myindependentbookshop.co.uk)

 

Man sucht sich seine Lieblingsbuchhandlungen aus, sei es nach Postleitzahl und Ort, so dass die Buchhandlungen in der Nähe vorgeschlagen werden, sei es durch Eingabe eines schon bekannten Namens.

 

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Hive, das integrierte Werkzeug zur Auswahl der Lieblingsbuchhandlungen (Quelle/Copyright: http://www.myindependentbookshop.co.uk)

 

Danach kann man wahlweise die liebgewonnene Buchhandlungen zu seinen Favoriten machen und dort einkaufen: An allen Einkäufen wird diese Buchhandlung dann prozentual beteiligt. Durch eine Verlinkung auf deren Webseite innerhalb der Plattform, erfährt der Kunde auch immer wieder Neuigkeiten aus der Buchhandlung, so dass deren Onlineaktivitäten auch nochmals gespiegelt werden und eine höhere Reichweite erfahren.

 

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Ist die Lieblingsbuchhandlung einmal ausgewählt, erfährt sie innerhalb der Anwendung besondere Behandlung. (Quelle/Copyright: http://www.myindependentbookshop.co.uk/)

 

 

 

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.