Die Zukunft des Buches, Sobooks und der Wert des Gedruckten

Mit der Digitalisierung und der Vernetzung verändern sich sowohl das Buch als auch die Buchbranche. Aber wie verändern sie sich? Und muss das überhaupt so schlimm sein?

Der Frankfurter Journalist Martin Schmitz-Kuhl hat hierzu in dem gerade erschienenen Buch „Books & Bookster. Die Zukunft des Buches und der Buchbranche“ verschiedene Experten und Branchenkenner befragt – von Nina Hugendubel über Alexander Skipis bis hin zu Sascha Lobo.

Ein Interview über eigene Ergebnisse und Erkenntnisse – nach einem Jahr Recherche und zehn Tagen Diskussion seines Buches auf Sobooks.

Ursprünglich wollten Sie Ihr Buch in allen möglichen Formaten herausbringen, zum Beispiel auch als enhanced E-Book oder als günstiges Taschenbuch. Warum haben Sie das nun doch nicht gemacht?

Schmitz-Kuhl: Ich wollte mit dem Produkt selbst die Zukunft des Buches demonstrieren. Also zeigen, dass es nicht die eine Zukunft gibt, sondern ein differenziertes Bild dieser Zukunft abbilden. Dann stellte sich aber heraus, dass zum Beispiel das Taschenbuch eher keine Zukunft haben wird, weil es zunehmend vom E-Book abgelöst werden wird. Und beim Thema enhanced E-Book zeigten sich meine Gesprächspartner unisono skeptisch, ob der Markt dafür schon bereit sei. Manche meinten sogar, dass dies generell eher ein Irrweg und eben nicht die Zukunft des Buches sei. Also habe ich mich nur auf die beiden wichtigsten Zukunftsszenarien konzentriert: Zum einen das E-Book und zum anderen das richtig schön gestaltete und gut verarbeitete Print-Buch. Spannend wird jetzt sein, wie der Käufer auf diese beiden Angebote reagieren wird: Greift er zum günstigen E-Book oder ist er bereit, für gutes Design und eine gute Haptik etwas mehr Geld auszugeben?

 

Martin Schmitz-Kuhl

Der Autor des Buches Martin Schmitz-Kuhl, fotografiert vom Fotografen Stephan Jockel wie auf www.bookster-frankfurt.de – also lesend und in schwarzweiß.

 

Was wurde aus dem Plan, Ihr Buch auch bei Sobooks zu veröffentlichen?

Schmitz-Kuhl: Das hat geklappt. Den ersten Band konnte man dort sogar exklusiv einige Tage vor Erscheinen des ganzen Buches lesen.

Den ersten Band?

Schmitz-Kuhl: Ich habe das Buch als eine Art Selbstversuch aufgebaut. Und als ich in meinem Gespräch mit Sascha Lobo darüber diskutierte, wie sich wohl die Preise von E-Books entwickeln, vertrat er die Ansicht, Bücher würden generell günstiger werden. Was übrigens keineswegs alle meine Gesprächspartner so sahen. Wir haben deshalb hier auch das Experiment gewagt, einfach zwei Bände für die Hälfte des Geldes anzubieten. Allerdings hat das auch nicht dazu geführt, dass das Buch dort bislang ein „Bestseller“ wurde. Wahrscheinlich ist es für Sobooks immer noch zu teuer. Es ist eben schwierig, sich in einem Umfeld zu behaupten, indem die Bücher extrem billig oder gar kostenlos abgegeben werden. Auch das ist eine Erkenntnis…

Das heißt Sie sind enttäuscht, wie Ihr Buch auf Sobooks gelaufen ist?

Nein, ganz im Gegenteil. Im Grunde genommen kann ich sehr zufrieden sein. Eine Woche lang wurde dort fast ausschließlich über mein Buch diskutiert. Aber eben erwartungsgemäß auf einem sehr niedrigen Niveau – was die Zahl der Kommentare angeht.

Wieso erwartungsgemäß?

Schmitz-Kuhl: Hinter dem Social Reading steht ja die Idee, dass Menschen über Bücher diskutieren. Und das direkt am Buch, auf den einzelnen Seiten, die nicht nur digital, sondern auch im Netz gelesen werden. Aber: Ganz abgesehen davon, dass ich selbst meine Bücher eben in der Regel noch nicht einmal digital, geschweige denn online lese, will ich darüber auch eigentlich nur persönlich diskutieren und nicht über soziale Netzwerke. Und offenbar bin ich nicht der einzige, der so denkt.

Sie glauben also nicht an die Idee des „Social Readings“?

Schmitz-Kuhl: So weit würde ich nicht gehen. Vielleicht fehlt mir dafür auch einfach etwas die Fantasie. Ganz ehrlich: Wenn mich Marc Zuckerberg vor zehn Jahren gefragt hätte, was ich von seiner Geschäftsidee halte, hätte ich vermutlich auch gesagt: Junge, lass das sein! Und wer weiß? Vielleicht wird sich in einigen Jahren Sobooks – oder ein neuer Anbieter von Social Books wie Flipintu oder LOG.OS – doch noch durchsetzen. Ich stelle nur fest, dass bislang von dem angekündigten „Post-Amazon-Konzept“ noch nicht so sehr viel zu sehen ist. Leider!

„Books und Bookster. Die Zukunft des Buches und der Buchbranche“ erscheint in drei Formaten. Für welches sich die Käufer mehrheitlich entscheiden ist Teil des Selbstversuchs.

„Books und Bookster. Die Zukunft des Buches und der Buchbranche“ erscheint in drei Formaten. Für welches sich die Käufer mehrheitlich entscheiden ist Teil des Selbstversuchs.

Apropos Amazon: Täuscht der Eindruck oder kommt dieses Unternehmen in Ihrem Buch nicht gerade gut weg?

Schmitz-Kuhl: Das ist ein wunder Punkt. Ich habe mit Engelszungen aber letztlich erfolglos auf die PR-Abteilung von Amazon eingeredet, dass sie mir doch bitte ein Interview mit einem Unternehmensvertreter vermitteln. Ich persönlich finde das extrem schade, weil ich es spannend gefunden hätte, die Argumente der „Gegenseite“ zu hören. Dass Amazon sich der Auseinandersetzung nicht stellt, halte  ich nicht nur für dumm, sondern auch für kritikwürdig. So darf sich ein solch mächtiger Konzern in einer demokratischen Gesellschaft nicht verhalten.

Wenn Sie persönlich einen Blick in die Zukunft wagen: Wo sehen Sie die Buchbranche in 15 oder 20 Jahren?

Schmitz-Kuhl: Das habe ich auch meine Gesprächspartner gefragt. Und am ehrlichsten war wohl Jens Klingelhöfer von Bookwire, als er darauf antwortete, dass er nicht die geringste Ahnung habe, was die Zukunft bringe. Dem will ich mich eigentlich anschließen. Und das nicht nur, weil die technische Entwicklung einfach nicht abzusehen ist, sondern auch, weil es für mich völlig offen ist, wie der Mensch auf sie reagieren wird.

Das müssen Sie erklären.

Schmitz-Kuhl: Die Digitalisierung der Buchbranche wird sicherlich voranschreiten und die Technik bringt den Menschen dabei zweifellos jede Menge Vorteile. Doch gleichzeitig werden auch die Nachteile und die negativen Folgen zunehmend deutlich. Immer mehr Menschen wollen schon heute nicht mehr alle ihre Daten an amerikanische Großkonzerne abtreten. Sie fühlen sich in dem goldenen Käfig, den ihnen diese Unternehmen bauen, trotz dessen Komfort und Bequemlichkeit nicht mehr wohl. Und sie betrachten die Macht und das Verhalten dieser Unternehmen auch mit immer mehr Skepsis und Sorge. Allein: Ich wage keine Prognose, ob diese Menschen tatsächlich irgendwann Oberhand gewinnen oder ob sie nicht doch eine Minderheit bleiben.

Aber wäre es denn gut, wenn sich die Skeptiker durchsetzten?

Schmitz-Kuhl: Skepsis ist per se ja nicht verkehrt. Und es geht ja auch keineswegs um eine technikfeindliche Haltung, sondern nur darum, wie man als Individuum, als Gesellschaft und dann auch als Unternehmen mit problematischen Folgen und Entwicklungen umgeht. Übrigens: Positiv ist mir aufgefallen, dass zum Beispiel das Thema Datensouveränität für ganz viele meiner Gesprächspartner ganz oben auf der Agenda steht. Hierüber machen sich eigentlich alle Gedanken, egal ob es sich jetzt um Flipintu, Sobooks oder LOG.OS handelt. Und wer weiß? Vielleicht könnten hier ja deutsche Unternehmen in Zukunft die Nase vorne haben – was sich zum entscheidenden USP wandeln könnte, falls sich die „Skeptiker“ durchsetzen sollten.

Apropos USP. Gehen wir zum Schluss noch einmal auf die Gestaltung Ihres Buches ein, die – in der gedruckten gegenüber der digitalen Fassung – ja sehr besonders ist.

Schmitz-Kuhl: Und das war wirklich eine Herzensangelegenheit von mir. Ich oute mich an dieser Stelle gerne als überzeugter „Printler“. Deshalb war es mir so wichtig, dieses Thema in einem Buch über die Zukunft des Buches aufzugreifen. Aber wie? Natürlich hätte ich jemanden wie den Buchgestalter Friedrich Forssman interviewen können, der dann ein flammendes Plädoyer gegen E-Books gehalten hätte. Aber darum geht es mir ja gar nicht! Ich will lieber mit dem Buch selbst zeigen, was Print im Unterschied zu digitalen Medien kann. Also: gar nicht viele Worte machen, sondern es einfach dem Leser möglichst eindrucksvoll vor Augen führen – und zwar mit einer Art gedrucktem Kunstobjekt in einer auf 1.000 Exemplaren limitierten und nummerierten Edition.

 

Mitarbeit: Eva Keller und Christian Sälzer. Das Interview ist stark gekürzt und aktualisiert. Das komplette Gespräch findet sich ebenfalls in dem Buch „Books & Bookster“; Bramann Verlag, 2015

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Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.