Digital Publishing Trends 2017, Teil II

Wie üblich fassen wir zur Buchmesse aus unserer Sicht wichtige Trends zusammen und reflektieren deren Auswirkung auf die Branche. Dabei erheben wir weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch den der umfassenden Analyse. Ziel ist die Anregung, das Nachdenken über das, was auf der nächsten Buchmesse schon wieder in anderem Lichte dastehen wird. Zum zweiten Teil unserer diesjährigen Trendschau (Teil I finden Sie hier):

 

Segen und Fluch der medialen Diversifizierung

Vor 5–6 Jahren hatten wir noch angenommen, dass sich mit eBooks, enhanced eBooks und Mobile Apps neue Standard-Formate für das digitale Publizieren entwickeln und damit die wesentlichen Medienformen abdecken würden. Aktuell dagegen beobachten wir eine enorme Ausdifferenzierung in immer mehr unterschiedliche technische Ausprägungen von Content-Produkten. Neben die genannten Produktformen sind inzwischen Formate wie Online-Datenbanken, Books-in-Browsers-Applikationen, Social-Media-Kanäle, Print/App-Kombinationen, In-App-Abos und Micro-Publishing-Formate getreten. Für nahezu jede Kombination aus Content, Zielgruppe und Nutzungssituation bilden sich eigenständige Lösungen heraus, die genau für diese Konstellation ideal sind.

Gezeigt hat sich dies zum Beispiel bei den Einreichungen des diesjährigen Deutschen eBook-Award: Hinter den neun Nominierungen stecken im Detail sieben verschiedene technische Ausprägungen von Publikationsformaten. Und manche Publikationsgenres werden durch die Auflösung in Social-Media-Channels komplett entbündelt: Was früher noch ein Lehrbuch für das Gitarre lernen daheim war, ist heute nahezu vollständig von Youtube-Channels mit Lernvideos abgelöst worden. Walk-Through-Guides und Anleitungsbücher für Computerspiele sind zu Twitch-Channels geworden. Statt die Schminktipps in der Bravo zu lesen, verbringt die Jugend ihre Zeit in den Instagram-Accounts ihrer bevorzugten Influencer. Und in nicht wenigen dieser Kanäle ist zudem noch direkte oder indirekte Monetarisierung integriert, so dass sich auf dieser Basis genuin digitale Publishing-Modelle entwickeln können.

Diese Auffächerung in immer mehr ausdifferenzierte Medientypen für die vielen Kombination von Inhalten, Zielgruppen und Nutzungssituationen bringt aus unserer Sicht drei wesentliche Herausforderungen für Verlage und Medienhäuser:

  • Technologie-Beherrschung und strategische Bewertung von Medientechnologien: Für jede neue digitale Publikation muss entschieden werden, was die ideale Publikationsform ist, um dem Zielgruppen-Bedarf gerecht zu werden. Bei der rapiden Entwicklung von Technologien und Nutzermärkten erfordert dies permanentes Sichten und Bewerten der aktuellen Marktsituation.
  • Mediengerechte Umsetzung des Content in den verschiedenen Formaten: Viele der digitalen Medienformen erfordern für die mediengerechte Produktgestaltung ein sehr spezifisches Verständnis der Nutzungswege, Content-Zugänge und Content-Präsentation. Multi-Channel-Publishing muss insofern auch inhaltlich und redaktionell mit jeder neuen Publikationsform ein Stück weit immer wieder neu gedacht werden.
  • Projektmanagement und Portfolio-Steuerung: Spätestens wenn man als Verlagshaus mehr als nur ein paar digitale Kanäle parallel bespielen will, werden die Steuerung und das Projektmanagement von Umsetzungen mit ganz unterschiedlichen medialen Voraussetzungen zu einer ernst zu nehmenden Herausforderung.

Denn eines ist in vielen Digital-Projekten der letzten Jahre überdeutlich geworden: Während sich die Umsetzung und Implementierung auf technischer Ebene noch relativ gut an spezialisierte Dienstleister auslagern lässt, müssen die mediengerechte Umsetzung und  das Projektmanagement als zentrale Kompetenz im Haus geleistet werden. Denn hier geht es um Aufgaben, die den Kern der Wertschöpfung eines modernen Medienhauses ausmachen.

 

Immer mehr unterschiedliche Publikationsformate entwickeln sich, um den unterschiedlichen Kombinationen von Inhalten, Zielgruppen und Nutzungssituationen gerecht zu werden. So schön das für den Kunden ist, so viele Herausforderungen bringt diese Entwicklung für die Content-Anbieter mit sich.

 

Google und die Paywalls: Neue Chancen für Paid-Content-Modelle

Jeder, der Paid-Content-Modelle im Netz erfolgreich machen will – egal ob als News-Publisher oder als Anbieter von Fachdatenbanken – muss sich über kurz oder lang mit den Regeln von Google zur Suchmaschinen-Indexierung von Content hinter Paywalls auseinandersetzen, um die Sichtbarkeit der eigenen Inhalte sicherzustellen. Bisher waren diese Regeln einigermaßen strikt: Entweder es musste für jeden Artikel hinter einer Paywall zusätzlich noch ein frei zugänglicher Snippet erzeugt werden (was redaktionell aufwändig, und bei manchem Content inhaltlich gar nicht immer sinnvoll möglich ist), oder es galt die “First-Click-Free”-Regel: Eine bestimmte Zahl von Artikeln musste stets nach dem Sprung aus der Suchmaschine kostenlos verfügbar sein.

Im Oktober 2017 hat Google nun auf Druck einiger US-Publisher die First-Click-Free-Regel aufgegeben. Content-Anbieter im Netz sollen in Zukunft weitgehend frei darin sein, Inhalte frei oder kostenpflichtig zur Verfügung zu stellen: Mit dem sogenannten “Flexible Sampling” können die Publisher ihre Modelle variabel gestalten. Die Anweisungen über die Grenzen der Paywalls werden mit Mikroformaten in den Inhalten für die Suchmaschinen markiert, Google stellt hier wie immer detaillierte technische Dokumentationen zur Verfügung. Gleichzeitig will Google auch Mechanismen entwickeln, um zukünftig auch die Verbreitung digitaler Abos zu unterstützen.

Für alle Anbieter von Paid-Content-Modellen im Netz bleibt es hochspannend, diese Entwicklungen weiter zu beobachten und die eigenen Angebote daraufhin zu optimieren. In diesem Punkt ändern sich damit zum ersten Mal seit langer Zeit ganz zentrale Rahmenbedingungen für das eigene Geschäftsmodell im Online-Markt. Denn unabhängig davon, ob der eigene Content eher News-orientiert ist oder ob es sich um branchenspezifische Fachinformationen handelt: Sichtbarkeit im Netz ist unabdingbar für jedes Paid-Content-Modell.

 

Die Paywall mit fixem, von Google vorgegebenem, “Content-for-free”-Anteil könnte bald der Vergangenheit angehören: Mit “Flexible Sampling” kann der Publisher quasi frei bestimmen, wo die Grenzen der Paywall im eigenen Content liegen.

 

Standardisierung und Industrialisierung in der Verlagsbranche

In den letzten 1–2 Jahren werden in immer mehr Bereichen der Verlagsbranche Initiativen für Standardisierung und Industrialisierung sichtbar: So wird zum Beispiel seit Anfang 2017 der im eBook-Bereich ganz zentrale EPUB-Standard nicht mehr von einer reinen Branchen-Vereinigung betreut, sondern durch die Integration des IDPF in das W3C von der Organisation weiterentwickelt, die sich weltweit um Webstandards wie HTML, CSS und XML kümmert. In den Diskussionen um den ONIX-Standard wird immer deutlicher, welche zentrale Bedeutung eine effiziente und hochqualitative Metadatenpflege für die digitale Distribution von Content hat.

Zur Modellierung von Workflows und Geschäftsprozessen wird der BPMN-Standard als Tool in moderne CMS-Umgebungen integriert. Im Projekt “Verlagscockpit” ist ein Modell für standardisierte Geschäftskennzahlen entwickelt worden, von dem Verlage wie Anbieter von ERP-Software profitieren können. Und auch aus der Herstellungsleitertagung in Irsee ist eine Initiative für Standardisierung im Bereich Produktions- und Herstellungs-Prozesse hervorgegangen.

Diese Entwicklung ist aus unserer Sicht außerordentlich zu begrüßen. Denn gerade unter den skizzierten Rahmenbedingungen größerer Medienvielfalt, höherem Titelausstoß bei gleichzeitig sinkenden Auflagen ist Standardisierung, Normierung und Industrialisierung von Prozessen geradezu zwingend notwendig, um weiterhin eine marktfähige Wertschöpfung erzielen zu können.

 

Von eBook-Produktion mit EPUB unter dem Dach des W3C bis hin zur Geschäftsprozess-Modellierung mit BPMN: Standards haben Hochkonjunktur – und das ist auch gut so.

 

Augmented Reality & Virtual Reality: Innovationen und Marktchancen

Das letzte Jahr hat für Augmented Reality und Virtual Reality einen enormen Technologie-Schub gebracht: Im Bereich Virtual Reality war die Entwicklung vor allem Hardware-getrieben – mit Geräten wie Oculus Rift, HTC Vice und Playstation VR ist mittlerweile die erste Hardware-Generation im Markt, die zu vernünftigen Preisen eine sinnvolle Nutzung im Massenmarkt ermöglicht. Aktionen wie die Virtual Reality Roadshow von Saturn Hansa aus dem Sommer diesen Jahres zeigen zudem, dass das Thema auch langsam im Consumer-Bereich ankommt.

Für Augmented Reality fanden die wesentlichen Innovationen auf der Software-Ebene statt: Mit den AR-Bibliotheken ARKit von Apple und ARCore von Google haben zwei der großen Technologie-Konzerne konkrete Schritte unternommen, Augmented Reality auf Betriebssystem-Ebene zu unterstützen und so eine wesentliche Voraussetzung für die Implementierung von AR-Applikationen geschaffen. Dazu setzen beide Software-Lösungen auf bereits im Markt vorhandener Hardware auf – damit ist die aktuellste Smartphone-Generation für iOS und Android quasi werksseitig bereit für Highend-AR.

Trotz der verblüffenden Fülle an Applikationen, die auf dieser Basis bereits entwickelt wurden, wird deutlich: Außer Niantic Labs mit ihrem App-Hit Pokemon Go hat in diesem Markt bisher noch kein Unternehmen in nennenswertem Maße Geld verdient (ausgenommen vielleicht noch der eine oder andere US-Anbieter von VR-Pornos). Woran das liegt? Die meisten Applikationen sind aus unserer Sicht zwar technologisch faszinierend, aber den Königsweg zur “Killer-App” mit schlagendem Mehrwert für den Kunden hat bisher kaum ein Anbieter gefunden. Selbst ein Renommier-Projekt wie IKEA Place erbringt letztlich keinen eigenständigen Umsatz, sondern ist schlicht Teil der digitalen Marketing-Strategie.

Im letzten Jahr hatten wir für AR und VR die Frage formuliert, wo die Verlagswelt als eher “textorientierte Branche” ihren Platz in diesen visuellen Medien finden könnte. Im Monetarisierungs-Dilemma der Technologien könnte ein möglicher Ansatz für eine Antwort lauten: Wie bei keiner anderen Branche besteht eine der zentralen Kernkompetenzen der Verlage darin, durch Content-Einsatz Nutzen und Mehrwert für den Kunden zu erreichen. Diese Kompetenz gepaart mit der Technologie-Kompetenz von AR- und VR-Anbietern könnte der Schlüssel zum Erfolg sein.

 

So stellt sich IKEA die Zukunft des Möbelkaufs vor: Über die AR-App das Wohnzimmer erst virtuell einrichten, dann über eCommerce-Kanäle kaufen. (Quelle/Copyright: ikea.com)

 

Sprachtechnologien als neue Kernkompetenz für Verlage?

In der Software-Entwicklung beobachten wir in den letzten Jahren eine wahre Explosion der Technologien, die sich mit Sprache beschäftigen. Das betrifft drei große Entwicklungsbereiche, in denen nennenswerte Innovationen stattfinden:

  1. Analyse und Auswertung natürlicher, gesprochener Sprache: Für viele Kunden in den mobilen Ökosystemen sind sprachgesteuerte digitale Assistenten mittlerweile selbstverständliche Begleiter im Alltag. Für manche sind Systeme wie Alexa, Siri oder Google Assistent nur Komfort-Funktionen, für andere Nutzergruppen – zum Beispiel bei barrierefreiem Zugang – unerlässlich für die Teilhabe an der digitalen Welt. Noch sind dies in vielen Fällen reine Convenience-Funktionen auf System-Ebene, aber auch erste Geschäftsmodelle auf dieser Basis entwickeln sich.
  2. Data Mining und Big-Data-Analysen von Texten: Die Analyse und Auswertung von großen Text-Korpora wird nach der Umsetzung der Basistechnologien in den Suchmaschinen mehr und mehr auch auf andere Anwendungsbereiche übertragen. Projekte aus den Digital Humanities wie die Big-Data-getriebene Literatur-Forschung zeigen hier deutlich das Potenzial. Auch Szenarien wie automatisierte Zitationen im wissenschaftlichen Bereich oder eine Data-Mining-gestützte Plagiatsrecherche sind nach den Innovationen der letzten Jahre nicht mehr abwegig.
  3. Sprachsynthese und Sprachgenerierung von gesprochener Sprache und Text: Die Spannbreite der Technologien reicht hier von der Sprachausgabe durch Assistenten wie Siri und Alexa über Chatbots zur automatisierten Kunden-Kommunikation bis hin zu Textgenerierung im Roboter-Journalismus.

Auffällig ist an dieser Stelle besonders, dass diese Sprachtechnologien inzwischen in mehr oder weniger jeder Branche Verwendung finden – nur eben wenig bis gar nicht im Publishing. Und das, obwohl der Umgang mit Texten und Sprache eigentlich eine ureigene Kompetenz dieser Branche ist. Nutzen Verlage diese Möglichkeiten, die Sprachtechnologien bieten, besteht hier die Chance, ein ganz neues Set an Kernkompetenzen zu erwerben, letztlich eine natürliche Erweiterung der eigenen Wissensdomäne.

 

Vom Chatbot bis zum Roboter-Journalismus: Je einfacher strukturiert und je stärker formalisiert sprachliche Kommunikationsmuster sind, desto einfacher sind sie auch automatisierbar. Über kurz oder lang wird dieser Trend auch Verlage und Medienhäuser betreffen.

Veröffentlicht von

www.dpc-consulting.de

XML- und Digital-Publishing-Professional mit Leib & Seele, seit Berufseinstieg in verschiedensten Projekten rund um Content-Management und Datenbank-basiertes Publizieren unterwegs. Seit 2012 selbständig als Berater und Trainer für digitales Publizieren.

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