Digital Publishing Trends 2017, Teil I

Wie üblich fassen wir zur Buchmesse aus unserer Sicht wichtige Trends zusammen und reflektieren deren Auswirkung auf die Branche. Dabei erheben wir weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch den der umfassenden Analyse. Ziel ist die Anregung, das Nachdenken über das, was auf der nächsten Buchmesse schon wieder in anderem Lichte dastehen wird.

 

Attention! Sichtbarkeit verlangt mittel- und langfristige Investitionen

ROPO (research online, purchase offline) ist Ausdruck der Vermischung der verschiedenen Kanäle zum Kunden. Um Sichtbarkeit zu erlangen, müssen die vielen Touchpoints zum Kunden bedient werden. Und die eigenen Produkte müssen dort richtig platziert werden. Das ist viel kleinteilige Arbeit und erfordert ein gutes Projektmanagement. Nehmen wir nur ein Beispiel: Die Onlinerecherche beginnt meist bei Amazon. Eine konsequente Entwicklung des Katalogs hat dazu geführt, dass Amazon neben Google die wichtigste Anlaufstelle im Netz geworden ist. Aus einem Buchkatalog mit vielen Artikeln wurde die weltweite wichtigste Plattform durch die ständige Optimierung der Produktsuche, der Trefferliste und der relevanten Metadaten. Um mit Büchern sichtbar zu sein, ist Amazon aber nur eine von vielen Quellen für die Kunden (Quelle: ibi research, Einkaufsverhalten im digitalen Zeitalter).

It is a match! Mit den passenden Metadaten die eigene Zielgruppe erreichen

So wie sich Romeo und Julia (hier der Eingang zum Wohnhaus in Verona) gefunden haben, so träumt auch jeder Anbieter seiner Produkte vom “perfect match”: Das Produkt landet genau bei dem Kunden, der es braucht und will. Dazu müssen aber zwei Dinge zusammenkommen und aufwändig entwickelt werden, das Herausfiltern der passenden Metadaten aus dem Produkt und denen des Kunden. Lektorat und Marketing müssen eng zusammenwirken. Denn wie bei Tinder sind die Kunden schnell beim nächsten Angebot – und wie bei Parship oder Vermittlungsplattformen für Juristen wie legalhead oder Manager wie interimhead werden Profile teilautomatisiert erstellt, geprüft und gematcht. (Die nächsten Termine hierzu sind unser Seminar an der Akademie der Deutschen Medien und der Kongress “mvb Data Summit“.)

Ki und das neue Handwerkszeug für Verlage

Noch stehen die bots am Anfang und siri kann nicht verstehen, in welchem Kontext die Frage nach einem “Italiener” oder “Araber” gestellt wird, ob Personen, Pferde oder Restaurants gemeint sind. Es kommt durch die Hochrechnung bisheriger Nutzergewohnheiten jedoch meist näher dran als wir mit unserem eingeschränkten Blick. Technologische Neuerungen zerstören Arbeitsplätze, weil sie deren Wertschöpfung ersetzen. Da brauchen wir uns nichts vormachen und wir kennen die Beispiele von den Webern, Kutschenbauern, Setzern oder Kartographen. Sie schaffen aber auch neue Möglichkeiten und die sind im Vorteil, die sich der Tools bedienen, um ihre Leistung zu verbessern. Die Beispiele sind vielfältig und auch wenn viele Angebote noch im Anfangsstadium stecken, so kann man jetzt schon ihr Potenzial erkennen: die semantische Analyse von Texten und Äußerungen im Netz ermöglicht eine bessere Aussteuerung von Werbung, unter dem Schlagwort SoLoMo (social, local, mobile) entstehen Dienste für den Kunden, die eine Lokalisierung der passenden Angebote zur rechten Zeit bieten, und Dashboards in guten CRM-Systemen erlauben eine Optimierung der Verkäufe pro Kunde.

Blockchain und die Anwendungen im Medienbereich

Auf dem Gartner Hype Cycle steht dieser Trend kurz vor seinem Höhepunkt: Blockchain gilt in der Szene schon länger als einer DER Trends, denn er verspricht politisch korrekte Ziele und den Aufstand der Massen. Diese Revolution kommt immer gut an. Und die Möglichkeiten in der Verlagsbranche reichen von der eindeutigen Lizensierung von Inhalten ohne notarielle, aufwändige Beglaubigung, über die Monetarisierung kleinteiliger Angebote (Texte, Grafiken, Videos, Audio…) bis zum Nachweis von Piraterie. Wie in dem hier gezeigten Beispiel der Bibelübersetzung soll es in der Blockchain vielen in der Welt möglich sein, gemeinsam an einem Text zu arbeiten und diesen in verschiedensten Sprachen und Versionen zu editieren. Anders als bisher gibt es keine zentrale Stelle zur Prüfung, sondern lediglich einen Nachweis der Identität der jeweiligen Publizisten und der Version ihres Textes. Das hier gezeigte Beispiel für Bibelübersetzungen ist einerseits offen, zugleich nicht frei von eigenen, ideologischen Prämissen.

Neue Formate: “The medium is the massage”

 Einer der wohl schönsten Tippfehler umschreibt heute noch als Titel eines Buches die Bedeutung der Trägermedien für die richtige Ansprache der Kunden. MacLuhan zitiert sich und verweist darauf , dass Trägermedien auch für die Bedeutung der Inhalte konstituierend sind. Viele neue Formate haben noch nicht ihr passendes Geschäftsmodell gefunden. Viele werden später als seltsame Orchideen einer Zeit im Umbruch gelten. Und Historiker könnten sich ähnlich wie Umberto Eco in “Der Name der Rose” über die Vielzahl der zeitgleichen Angebote wundern, das wilde Blühen in ausufernden Gärten. Fakt ist, dass immer mehr Formate auf immer mehr Kanälen zur Verfügung stehen. Und dass immer mehr Nischen mit je eigenen Kundenwünschen bedient werden. Diese Potenzierung führt zu einem kaum überschaubaren Angebot und kaum voneinander abgrenzbaren Märkten. Welche Formate sich dabei durchsetzen werden ist offen. Was bleibt sind die Aufgaben “Portfoliomanagement” und “kundenorientierte Produktentwicklung”. Wer hier professionell agiert, ist klar im Vorteil. (siehe hierzu auch unser Seminar zum Thema “Business Development” an der Akademie der Deutschen Medien)

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www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.

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