Krisen und dezentrale Netzwerke

Mittlerweile informiert sich laut aktueller Umfragen von Bitkom fast ein Viertel der Mitglieder von Online-Communities dort auch über das aktuelle Tagesgeschehen. Die jährlichen Hitlisten von Twitter & Facebook zeigen die Nähe von Amy Winehouse und Fukoshima, Osama Bin Laden und den Super Bowl. Es ist wie die einzige Bar am Ort, in der es neben Schnaps und Kaffee, Schach und Rauch auch Tratsch und die spannendsten Neuigkeiten gab. Alles in einem. Und sogar die Jugendlichen kommen immer häufiger.
Die virtuellen Netzwerke sind also geflochten. Und zeigen ihre Kraft vor allem in Krisenzeiten. Ein offizieller Bericht über die Flutkatastrophe in Victoria (Austalien)

fordert mehr Social Media und die besser Einbeziehung aller verfügbaren Personen bei Katastrophen. Nur durch eine “two-way communication” kann die Effizienz verbessert werden. Das Thema “crowdsourcing governance” taucht verstärkt auf vielen politischen Ebenen auf.

Wer ist am schnellsten in Revolutionen und Katastrophen?
Die Revolutionen in den arabischen Ländern haben es auf politischer Ebene vorgemacht. Dezentrale Netzwerke, die sich über Smartphones organisieren, können schnell und flexibel etablierte Machtstrukturen unterwandern. Das Internet und der mobile Zugang zu Wissen und anderen Personen scheint den Gedanken der Aufklärung rasanter zu verbreiten als alle bisherigen Massenmedien. Denn die Kontrolle entgleitet den Machthabern.

Von anderer Seite aus betrachtet bieten mobile Netzwerke in Katastrophensituationen schnell eine relativ stabile Infrastruktur. Beispiele bei der Flutkatastrophe in Thailand oder der Reaktorkatastrophe in Japan zeigen, dass mit relativ wenig Aufwand neue Anlaufstellen geschaffen werden. Sie fungieren als Knotenpunkte, als Sammelstellen von Informationen, die allen zur Verfügung stehen. Wie man in der Medienbranche am Beispiel Wikipedia schon erkennen konnte, bieten sie vielen freiwilligen Helfern eine Anlaufstelle.

Crowdsourcing oder Curation?
Durch die Kraft der Masse entsteht rasch eine Datenfülle, die allen zentral gesteuerten Diensten überlegen ist. Diese versagen vor allem deshalb, weil sie sich wie Kontrollzentren verhalten, die nach wie vor meinen, Informationen zurückhalten oder zensieren zu können.
Wenn es um Schnelligkeit und einer klar strukturierbaren Information geht mit relative einfachen Fragen (Wie hoch ist der Wasserstand am Ort x? Wie komme ich durch das gesperrte Gebiet y? Wie hoch ist die Strahlenbelastung am Ort z?…) sind dezentrale Netzwerke, die auf die Mitwirkung vieler setzen, einfach besser. Erst wenn es um mittel- und langfristige Ziele geht (Wie baue ich eine neue Straße? Welches Programm hat die neue Regierung?…) kommt man an richtig kuratierter Information nicht mehr vorbei. Dann zeigt sich die Qualität in der Analyse, der Verknüpfung der relevanten Informationen zu Wissen.

Und so konnten alle offiziellen Nachrichtenmagazine nach der Notlandung eines Flugzeugs im Hudson nur zähneknirschend von der Schnelligkeit des neuen Mediums berichten. Damit haben sie zumindest das gemacht, was ihnen auch in Zukunft am besten gelingen kann – die Reflektion der Ereignisse.

 

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www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.