Was geht noch neben Amazon?

Die Wirtschaft folgt immer Wellenbewegungen. Ausruhen hilft keinem und Vorsprünge schmelzen rasch dahin, denn eine Kopie des Erfolgsmodells ist immer schneller zu haben als die Entwicklung eines solchen.
Was also passiert mit Amazon? Dieser Riese scheint sich den Buchhandel einzuverleiben und als nächstes sind die Verlage dran.
Wirklich? Wie jeder Marktführer hat auch Amazon einige Schwachpunkte vorzuweisen, wie Suw Charman-Anderson  oder Jeremy Greenfield in Forbes und dbw ausführen:

Amazon is not social

Und das wird gerade bei den Buchbesprechungen deutlich. Jeder Verlag versucht sein Bestes, schickt Agenturen, Autoren und Mitarbeiter an die Besprechungsfront und lässt positive Rezensionen hageln. Mit dem Effekt, dass die Konkurrenz (der Verlage, der Autoren) auch nicht schläft und mit ihrer Gegenmeinung nicht hinterm Berg hält. Und dann und wann auch mal eine “richtige” Kundenrezension. Welchen Meinungen kann man dort überhaupt noch trauen? Worauf soll sich der Leser also verlassen?
Die Verknüpfung von Shop und Social Media funktioniert nicht. Denn auf einer Verkaufsplattform zählt nur der Verkauf. Gerade bei Amazon, das als Logistikunternehmen das Feilschen um jeden Cent beherrscht. Bei Amazon findet der Kunde einen guten Service. Aber nicht die Empfehlung seines Vertrauens, weil er weiß, dass die Verkaufsinteressen immer mitspielen.
Also muss er auf seine Freunde setzen, auf die, deren Urteil er vertrauen kann. Diese sind die wichtigste Quelle für den Kauf von eBooks, wie es sich bei einer Analyse von Goodreads zeigt, einer der großen Plattformen in den USA zu Buchempfehlungen.
Die Empfehlung aus dem Freundeskreis und der Kauf bei Amazon? Das ist sicher häufig der Fall.
Und hier ist die Lücke für die Buchhandlungen und Plattformen, die das Vertrauen ihrer Kunden genießen, weil die Empfehlungen passend sind, weil sie verlässlich sind. Kohlibri ist so ein Beispiel in Deutschland, bei dem über einen guten Newsletter zusammen mit einem guten Versand dieses Vertrauen aufgebaut wird.

Auch andere Plattformen bieten Affiliate-Programme

Da die Empfehlungen von Freunden, Bekannten oder eben auch einflussreichen Bloggern, Zeitungen oder Kolumnen so wichtig sind, können diese natürlich durch Affiliate-Programme auch an jedem verkauften Exemplar verdienen. Dabei ist nach wie vor Amazon wichtig, aber in den USA sind andere Plattformen immer noch am Markt und werden von vielen auch bewusst neben Amazon genutzt. Je nach Geschäftsmodell können auch Teilstücke vom Kuchen rentabel sein.

Mit einem eigenen Auftritt Innovationen umsetzen

Man muss nicht gleich an Pottermore denken und einen eigenen Gesamtauftritt. Den können sich eh nur Bestsellerautoren oder Teams leisten. Aber einige Publikationsformen sind mit Amazon schwer machbar. Und das betrifft nicht nur die aktuellen Probleme bei enhanced eBooks mit KF8.
Ein Blick auf die Fachverlage zeigt, dass man mit den eigenen Kundendaten viel anfangen kann, von besonderen Angebotsformen mit geschlossenen Benutzergruppen bis zu kundenspezifischen Anpassungen. Amazon bietet in der Regel nur seine Daten für die Vermarktung von Standardprodukten an. Und wird dadurch immer weniger attraktiv für die, die ihre eigenen Zugänge zum Kunden haben.
Oder es etablieren sich Anbieter wie publit, die dem Anbieter mehr Daten bieten, so dass sich dieser über kurz oder lang auch sein Big-Data-Warehouse aufbauen kann.

Die Konkurrenz ist in manchen Punkten besser: Google bietet z.B. einige Vorteile

– so wie z.B. eine fundiertere Suche in Google Books zu bestimmten Inhalten, der besseren Verlinkung zu einer einzelnen Seite oder einem offenen Verweissystem auf andere Verkaufsstellen neben Amazon.
Das trifft vor allem das Kindle-Ökosystem. Es ist eine effektive Art für Amazon, viele Daten zu generieren. Aber durch die Geschlossenheit riskiert Amazon, dass sich die Kunden andere Wege suchen werden, offenere. Und auch dafür steht eher ein Anbieter wie Google.
Zum Glück gibt es neben Amazon noch die anderen Riesen und im Kampf derer untereinander kann der Kunde oft profitieren. Amazon wollte zunächst auch stolze 40% Provision haben auf alle verkaufte eBooks. Und musste dann einschwenken, als Apple mit 30% eine Marke gesetzt hatte.
Die Empfehlung lautet, sich bewusst nicht immer sofort auf das Angebot von Amazon zu stürzen, sondern durch Allianzen und Kooperationen auch die anderen Anbieter zum Freund zu machen.

Nicht dass Amazon mit diesen Argumenten klein geredet werden soll. Aber in einer Diskussion um neue Märkte ist eine fatalistische Haltung alles andere als angebracht.

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.