If content is king, context is the queen

Das Zitat vom “King Content”, der doch immer noch für den Kunden so wichtig sei, wird gerne von Verlagen wiederholt. Es soll daran erinnern, dass man mit den Inhalten auch Geld verdienen kann, dass die Geschäftsmodelle der Vergangenheit noch gelten. Auf dem Mobile Publishing-Kongress 2014 wurde jedoch deutlich, dass die Verlage doch schon einen Schritt weiter sind. Denn auf den Kontext kommt es an.

Greift man das Bild vom König Inhalt auf, dann drängt sich gegenwärtig das Schachspiel als Analogie auf, um die Situation der Verlage zu charakterisieren. Der Inhalt ist zentral, er ist unumstößlich das Zentrum aller Aktivitäten. Darauf fußt seit Jahrzehnten das Geschäftsmodell. Aber er ist langsam, der König, seine Fähigkeit, das Spiel zu prägen und zu gestalten, ist begrenzt. Die großen Ökosysteme von Apple, Google und Amazon prägen den Markt, die Technologie ist der Treiber. Er ist in der Defensive und darauf angewiesen, dass ihn die anderen Figuren ins rechte Licht rücken. Allen voran die Dame.

Es geht darum, immer wieder den richtigen Kontext zu schaffen, den Rahmen, in dem dann die Inhalte gefunden, genutzt und geschätzt werden: If content is king, context is the queen.

Denn mobile Publishing heißt nicht, dass man eben jetzt auch mal eine App macht, sondern dass sich die Verlagswelt auflöst, dass jeder zum Verleger werden kann, zum Produzenten, Vermarkter und Finanzier seiner Werke. Dies ist auf dem Kongress über alle Bereiche deutlich geworden, vom Fachverlag über den Publikumsmarkt, von Zeitschriften bis zu den Büchern. Und alle Verlage unternehmen Schritte in die neue Welt. Selbst ein so hermetischer Markt wie der juristischer Fachinformationen öffnet sich, wie dies am Beispiel von Jurion deutlich wurde.

 

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Jurion, die Arbeitsplatzlösung von Wolters Kluwer (Quelle/Copyright: www.wolterskluwer.de)

 

Dr. Ulrich Hermann von Wolters Kluwer zeigte auf, dass durch eine konsequente Arbeitsplatzstrategie der Kunde gewonnen werden kann. Der Inhalt muss nach wie vor richtig, gut und aktuell sein. Aber die Einbettung in die jeweilige Umgebung und richtige Interpretation der Inhalte in ihrem Kontext machen erst den Unterschied. Semantische Suche, die Einbettung eigener Dokumente und die Einordnung in die Situation des Nutzers sind entscheidend. Das verändert den Markt. Und das erfordert ganz andere Mechanismen als bisher. Softwareentwickler und Redakteure, Onlinespezialisten und fachkundige Verkäufer bilden ganz andere Teams als bisher. Und der Veränderungsprozess wird hier nie halt machen. (Weitere Hintergrundinformationen bietet diese Interview mit Christian Dirschl, dem Softwarearchitekten von Jurion.)

 

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Innovation live bei der Mobile Publishing-Konferenz: Komplexe juristische Fragestellungen werden im “Navigator” durch interaktive, mobil optimierte Lösungsbäume handhabbar gemacht. (Quelle/Copyright: www.wolterkluwer.de)

 

Das entspricht auch dem Bild, das Bastian Plieninger von Haufe-Lexware zeichnete, wo das Zusammenspiel neuer Teams schon seit über 15 Jahren zu vielfältigen Erfahrungen geführt hat. Um die organisatorischen Herausforderungen zu skizzieren, wird die Zusammenarbeit mit der improvisierender Jazzmusiker verglichen: agiles Projektmanagement at its best.

Aber auch im Publikumsbereich stellte Matthias Eichele von Random House mobile Publishing-Strategien vor, die den Kunden über die Inhalte erst einmal an sich binden wie bei diezukunft.de oder natürlich skoobe, wenn Abomodelle wie im alten Bücherclub wieder ihre Renaissance erfahren, natürlich im digitalen Umfeld mit anderen Vorzeichen. Auch hier wird die Weiterentwicklung nicht so einfach sein, denn die Plattformen wollen ständig optimiert werden. So stehen sicher passende Weiterempfehlungen auf  der Agenda, so wie z.B. netflix dem Kunden zum Profil passend auch die jeweils relevanten Inhalte zeigt.

 

diezukunft.de

diezukunft.de: Ein Themenportal für SF-Liebhaber mit Content-Blog, Comics, Filmen und Genre-typischem Fan-Content. (Quelle/Copyright: www.diezukunft.de)

 

Die Plattform LYX Storyboard wurde von Sabine Glitza vorgestellt und interessant ist das offene Modell, das in Anlehnung an die zahlreichen Selfpublishing-Plattformen früh Leser und Autoren zusammenführt. Dass Autoren ihre Texte durch die Community kommentieren lassen können, ohne dass sie sich an Egmont/LYX binden müssen, ist ein erster Schritt hin zu offenen Modellen ohne vertragliche Bindung.

 

Lyx Storyboard

LYX Storyboard: die Plattform bringt Genre-Autoren und Fan-Community zusammen, der Verlag verläßt sich bei der Programm-Auswahl auf die Crowd. (Quelle/Copyright: https://lyx-storyboard.de/)

 

Dass die Zukunft des mobilen Webs in den Apps liegt – und auch nicht, das zeigten die Beispiele von Sebastian Spang zu TV Spielfilm, Eric Schütz (2issue), Bernd Gruber (indoo.rs) sowie die Vorträge von Florian Gmeinwieser (plan.net mobile) und Stefan Schumacher (G+J Electronic Media Sales): Weisen die Nutzerzahlen eindeutig in Richtung Mobile, so hinken die Erlöse im Anzeigenbereich doch noch hinterher. Das macht es vor allem für die Zeitungen und Zeitschriften schwer, deren Erlösmodell im wesentlichen darauf beruht. Zwar ist die Sammlung von Kundendaten wie schon immer ein wichtiger Markt, aber die Wege sind so vielfältig, dass gemeinsame Lösungen fehlen. Vor allem die unterschiedlichen Werbeformate und das Fehlen einheitlicher Softwarelösungen durch die Branche selbst erschweren das Geschäft. Werbekunden setzen natürlich lieber auf Standards, die aber wiederum meist durch die großen Plattformen entwickelt werden und nicht durch die Verlage.

Werbekampagnen sind heutzutage leider keine klare Angelegenheit mehr: Das Bündel an Maßnahmen ist immer größer geworden und damit ist auch die Beurteilung immer schwieriger, welches der vielen Bausteine denn jetzt wirklich wichtig war für den Erfolg.
Einigkeit zeigt sich lediglich bei der Einschätzung, dass Marken immer bedeutender geworden sind und dass sie im digitalen Umfeld auch für Orientierung sorgen können. Denn zunächst wird ihnen ein Kredit gegeben, den andere Produkte nicht haben. TV Spielfilm ist ein gutes Beispiel hierfür. Das Bedürfnis der Kunden passt zu einer App, die Nutzerführung ist stimmig und die Strategie folgte dem Prinzip, dass man zuerst Reichweite aufbaut, um dann einen Premiumbereich zu etablieren.

 

TV Spielfilm

Die iOS-App von TV-Spielfilm: Mobil optimierte Nutzerführung wird mit einem Freemium-Modell kombiniert, um maximale Kundenansprache zu erzielen. (Quelle/Copyright: Gruner+Jahr)

 

Fazit und: is context the new king?
Die Patentlösung lässt auf sich warten und auch für die Verlage gilt: Jeder muss in seinem Kontext die richtige, die passende Lösung finden. Was alle gezeigten Plattformen aber gemeinsam haben: Ob es um juristische Fachinformation geht, um Romance-Literatur oder um Fernsehprogramme, es erscheinen diejenigen Modelle am überzeugendsten, die direkt nach konkreten Bedürfnissen der Kunden entwickelt wurden.  Wie die technische Ausprägung am Ende genau realisiert wird, und welches Geschäftsmodell eine Plattform trägt, wird sicherlich bei jeder Zielgruppe und in jedem Markt noch einmal anders aussehen. Aber wer an seinen Kunden vorbei konzipiert, wird in digitalen Märkten und im mobilen Publizieren nicht mehr erfolgreich sein können. Wer seine Kunden aber gut kennt und in der Lage ist, den Dialog in seinen Nutzer-Communities produktiv zu organisieren, der kann unter Umständen mehr Geld verdienen als jemand vorher mit seinen analogen Medien.

 

 

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.