Journalismus in Echtzeit: das Beispiel Storytile

Beme avanciert zum Sommerhit am Apphimmel, Snapchat bricht Wachstumsrekorde und über Vine redet schon gar niemand mehr, weil es zu den etablierten Anbietern gehört. Allen gemeinsam ist die Beschleunigung der Übertragung von Bildern und Videos für andere, die Reduzierung und die fehlende bzw. zurückhaltende Bearbeitung. Und alle treffen wohl den Nerv der Zeit. Grund genug, sich Start-ups näher anzuschauen, die mit ihren Diensten den klassischen Medienunternehmen (und anderen) Unterstützung bieten wollen in diesem Umfeld.

Mit Storytile kann der Kunde Texte, Bilder, Videos, Beiträge schnell editieren und auf seine Plattform bringen. Das Funktionsprinzip lässt sich gut im folgenden Kurzvideo ersehen:

 

 

Das folgende Interview führten wir mit einem der Gründer, Oliver Seidl:

Das Internet wird weiter mit Bildern und Videos gefüttert. Das scheint die Zukunft zu sein. Wie seht Ihr das?

Oliver Seidl: Auch wir merken eine erhöhte Nachfrage nach Bewegtbildern, gerade von Agenturen und Nachrichtenportalen, und haben unsere App-Entwicklung dahingehend angepasst. Wir ermöglichen bereits jetzt schon die Integration von u.a. Bildern und YouTube-Videos und sind damit die “multimediale Verkörperung” der Standard -Liveticker und der Ausbau unserer Möglichkeiten geht stetig voran.

 

story

Storytile ermöglicht die schnellere Publikation von Videos, vor allem auch in den sozialen Medien. Die Software ist auf den Live-Betrieb in Redaktionen abgestimmt ist und vereinfacht die Zusammenarbeit von Inhalteproduzenten (Agenturen) und Inhalteverwertern (Portalen). Content Marketing oder die Erhöhung der Werbeeinnahmen sind mögliche Ziele.

 

Aber vor allem mit der Masse an multimedialen Inhalten, die täglich in die sozialen Netzwerke eingestellt wird, darf man nicht vergessen, dass die Zeit, um solche Inhalte zu konsumieren, nicht größer geworden ist. Die passenden Inhalte müssen mehr und mehr herausgesucht und für den Leser gefiltert und eingeordnet gezeigt werden. Und da sind wir mit unserer Plattform mit dabei: Den Journalisten ein Tool an die Hand zu geben, mit dem sie dies machen können.

Wo seht Ihr den Schwerpunkt eurer Kunden, im B2B- oder B2C-Bereich?

Oliver Seidl: Eindeutig im B2B-Bereich. Wir bedienen momentan zwei Marktbereiche: den Nachrichtenmarkt sowie die Unternehmenskommunikation. Im Nachrichtenmarkt können wir dank unserer App-Lösung einerseits als einfacher und kostengünstiger Remote-Edit Ersatz genutzt werden, oder aber den kompletten Produktionsweg, von der Aufnahme über die Bearbeitung bis hin zur Veröffentlichung. Dies ist mit unserem Tool nicht nur einfach, sondern auch wahnsinnig schnell. So können Bilder, welche vor Ort aufgenommen wurden, unter einer Minute den kompletten Prozess durchlaufen und dem Leser in unserem multimedialen Liveblog zur Verfügung gestellt werden. Dies ist natürlich auch in der Unternehmenskommunikation spannend. So haben wir bereits Live-Blogs für Kunden wie TÜV SÜD oder Fraunhofer Venture realisiert – mit großem Erfolg und Folgeaufträgen.

Wie wichtig ist euch eine festgelegte Strategie, wie offen seid Ihr für Veränderungen auf dem Weg?

Oliver Seidl: Angefangen haben wir als Live-Agentur für NGOs. Wir wollten für NGOs Live-Reportagen erstellen, z.B. von Thementagen wie dem Tag des Wassers. Wir haben spannende Pitch-Decks erstellt und potenzielle Kunden “kalt” ankontaktiert. Wir kennen in diesem Markt kaum Leute und so war auch der Erfolg. Da wurde uns schnell klar, dass Strategien nur so lange gut sind, bis sie von der Realität überholt werden.

Seitdem haben wir mehrfach Neu-Ausrichtungen vorgenommen: bei der Ausrichtung in Hinsicht auf Kundengruppen, den Preismodellen, aber auch bei grundsätzlichen Entscheidungen. So sind wir inzwischen vor allem ein Softwarehaus, weniger eine Agentur. Jedes mal, wenn wir merken, dass eine Strategie nach vielen Anläufen nicht ankommt, reflektieren wir diese und versuchen einen radikalen Weg einzuschlagen. Solche Befreiungsschläge sind extrem motivierend und geben dem ganzen Team einen neuen Drive.

 

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Das Team von Storytile: v.l.n.r.: Jan Herlyn (Entwickler), Wolfgang Gabler (Entwickler), Paul Knecht (Geschäftsführer, Entwickler+Sales), Christian (Entwickler) und Oliver Seidl (Geschäftsführer+Sales)

 

Seht Ihr in Facebook Instant Articles, Meerkat oder Periskope eine Bestätigung Eures Ansatzes oder fürchtet Ihr die Konkurrenz der allzu großen Firmen aus den USA? Denn die haben ja das Geld.

Oliver Seidl: Wir sehen in den Live-Startups eine Bestätigung unserer eigenen Bedürfnisse: hautnah an Ereignissen auf der ganzen Welt zu sein mit Mitteln, die jedem zur Verfügung stehen. Periscope ist eines dieser Beispiele. Jeder kann sehr einfach Ereignisse aus seinem Leben mit anderen teilen. Diese Masse an Informationen führt jedoch auf lange Sicht zur Überflutung der Leser. Wir denken, dass sich die grundlegende Aufgabe eines Journalisten auch in einer Welt voller Twitter, Periscope und Facebook kaum verändert hat. Es gilt an Informationen zu kommen, diese zu filtern und dem Leser eine kuratierte Auswahl zusammenzustellen. Mit storytile verfolgen wir genau diesen Ansatz. Mit unserem Redaktionssystem und unseren Apps können Kunden Inhalte aus allen möglichen Quellen zueinander anordnen und eine eigene Geschichte gestalten. Mit dem konsequenten Fokus auf die Kuration sind wir ziemlich allein auf dem Markt.

In der Tat bekommt man als Start-up immer mit, dass es im Vergleich zu Deutschland in den Staaten einfacher ist, Investoren zu finden. Allerdings muss man ehrlich sagen, die Förderung in Deutschland wird für Start-ups auch immer besser. Wir werden z.B. für ein Jahr vom BMWi und dem ESF mit dem EXIST-Gründerstipendium unterstützt. Dazu kommt die Förderung des Grüdernetzwerkes unserer ehemaligen Hochschule, dem Strascheg Center for Entrepreneurship SCE, welche uns tatkräftig beraten und seit über anderthalb Jahren ein Büro stellen.

Während in der USA Start-Ups schon zu Beginn mit Millionenbewertungen auf Geldsuche sind, kann man sich in Deutschland mit kleineren Förderungen über Wasser halten und ein solides Unternehmen aufbauen. Mit dem Start-Up-Gedanken aus den USA oder Tel Aviv tun sich die Deutschen aber nach wie vor schwer. Das ist weniger eine Frage des Geldes als der Mentalität.

Wie sieht Euer MVP aus (minimal viable product – der Prototyp, mit dem man sich auf den Markt traut)? Wann seid Ihr zufrieden, wann verbessert ihr?

Oliver Seidl: Seit Anfang Mai befinden wir uns mit unserem MVP in der kostenlosen Betaphase für Nachrichtenkunden. Damit ist der komplette Prozess von der Inhaltsanlieferung über -verarbeitung bis hin zur -ausspielung abgedeckt. Nun heißt es in zahlreichen Testintegrationen Erfahrungen mit Kunden zu sammeln.

Neben dem Bugfixing stehen jetzt aber vor allem die Vereinfachung und Erweiterung unserer Plattform auf dem Plan. Unsere Ideen und ToDo-Listen sind da schier unendlich. Aber der Wunsch, Menschen an Nachrichtenereignissen oder Events hautnah teilnehmen zu lassen – in einem schicken Design – ist für uns Ansporn genug.

 

 

 

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.