Ist Google Maps das mächtigste soziale Netzwerk?

Wie soll ein Kartendienst ein soziales Netzwerk sein?
Nehmen wir an, Josef K. kommt in einer ihm unbekannten Stadt an. Diese Stadt ist wie alle Metropolen ein Gewirr an Stimmen und Wegen, Kulturen und Gewohnheiten, Angeboten und Märkten. Josef K. erhält mit Google Maps Vorschläge für geeignete Orte, die seinen Interessen und Vorlieben nahe kommen, denn sie sind abgeglichen mit seinen bisherigen Präferenzen, geäußert in vielen Telefonaten, Nachrichten und vor allem Suchanfragen. Er erhält Vorschläge für Aktivitäten wie kulturelle Veranstaltungen oder Sportaktivitäten, die zu seinem Alter, seiner Fitness und seinen intellektuellen Interessen passen. Ist jemand aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis in der Nähe, so wird diese Information ebenso eingespielt wie Orte, an denen Menschen mit ähnlichen Profilen anzutreffen sind. Er erhält präzise Routen mit einem Vergleich der Verkehrsmittel, Zeiten und Kosten. Jede Stimme der Stadt lässt sich mit einem eigenen Übersetzungsdienst erfassen und deuten. Wie ein virtueller Falk-Plan entfaltet sich ihm die Stadt in ihrer Fülle. Sie ist ihm längst nicht mehr fremd, denn er kann Vertrautes und Neues mischen. Josef K. erhält Orientierung und wird besser entscheiden und handeln. Auch wenn ihn dieser Dienst wohl nicht vor Viren schützt, so zeigt er ihm doch die Auslastung von Verkehrsmitteln an in Corona-Zeiten.

Was macht eine virtuelle Karte aus?

Justine O`Beirne hat ausführliche Analysen erstellt zur Entwicklung der Karten bei Google und Apple. Google ist in der Lage, sehr viele Datenpools zu nutzen und daraus jeweils neue Ansichten zu generieren. Die Quellen sind so heterogen, dass manchmal auf den ersten Blick der Nutzen nicht auf der Hand liegt (z.B. Bewertung von Restaurants, Thermostate u.a.), durch Kombinationen dann aber doch Sinn entsteht. Hier ist Google deutlich im Vorteil im Vergleich zu Apple. Das Ergebnis sind vielfältig nutzbare Varianten von Plänen. Google vermarktet diese Leistung mittlerweile auch an Firmen über  die Google Maps Plattform.

“Social networks” wie Facebook, Twitter oder LinkedIn bieten den Teilnehmern Medienpräsenz. Im Vergleich zu “klassischen” Medien sind die Hürden gering: Man zahlt in der Regel nicht mit Geld, sondern mit seinen Daten, um die eigenen Gedanken und Ansichten medial an potenziell viele verteilen zu können. Diese Daten sind es wiederum, die aber Karten so wertvoll machen. Denn Karten aggregieren immer eine Vielzahl von Daten, ordnen sie und priorisieren. Sie bestehen aus den verschiedensten Schichten und ihre Kunst besteht darin, genau die Informationen hervorzuheben, die der Nutzer braucht. Es gibt potenziell so viele wie Ansichten der Welt.
Google hat früh erkannt, dass sich der Mensch durch Daten in der Welt orientiert, dass diese Daten ihn leiten. Die Vermessung der Welt hört nicht bei Google Street View auf oder bei Google Earth. Sie hört nie auf, denn jeder Mensch sieht die Welt durch seine Brille, seine jeweilige Informationsschicht. Und Google liefert. Wie ein schwarzes Loch zieht es die Daten an sich, denn jeder möchte sich besser orientieren und trägt mit jeder Information dazu bei, dass das Netzwerk dichter wird.

Google Maps hat die Kartographie neu definiert: Die virtuelle Karte ist Suchmaschine und soziales Netzwerk, Präsentationsfläche und Handlungsanleitung – und  potenziell unendlich erweiterbar.

Die digitale Kartographie spiegelt viel besser als analoge Pläne die verschiedenen Zustände der Welt. Eine Karte ist immer die Reduktion von tausenden von Informationen auf einige wenige relevante auf engem Raum. Die Welt kartographieren heißt immer, ganz viele Daten sehr genau zu erfassen – und dann nur einen Bruchteil auszuspielen, nämlich den je relevanten.
Google beherrscht dieses Spiel besser als jeder andere. Aus zwei Gründen:
Die DNA von Google besteht im Kern nach wie vor in der Frage: Was sucht mein Kunde und wie kann ich ihm das Ergebnis so einfach wie möglich bieten? Dazu muss man ganz viele Daten zugänglich machen, sie kategorisieren, filtern, priorisieren und vernetzen. Das ist eine menschliche Fähigkeit, die von Algorithmen noch präziser ausgeführt werden kann. Und Google beherrscht Big Data ebenso wie die Reduktion auf das “Relevante”.

Google Maps ist mittlerweile zu einem eigenen Ökosystem geworden. Nicht nur, dass man verschiedenste Ansichten erhält, von der klassischen Karte über Satellitenansichten bis zu Geländeprofilen und Google Earth mit virtuellen Rundflügen. Es können je nach Interesse vor allem die Orientierungspunkte ausgewählt werden, die man im Sinn hat, von Bars über Parkplätze, Restaurants bis zu Hotels. Denn jeder hat andere Merkmale einer Stadt im Kopf. Dazu gehören mittlerweile auch sich laufend verändernde Merkmale wie die Standorte und Vorlieben der eigenen peer group. Der wesentliche Quantensprung besteht jedoch in den Handlungen, die Google für den Nutzer durchführt bzw. die ermöglicht werden: die schnellste Route wählen, je nach Fortbewegungsmethode, das Buchen von Lokalen, das Vernetzen des eigenen Smartphones mit dem eigenen Auto (so dass der Standort auch dann erfasst wird, wenn man das Auto schon längst verlassen hat) bis hin zur Planung von Reisen durch die Zuordnung von Informationen im Netz. Der allgegenwärtige Reisebegleiter ist geschaffen worden.

Karten sind immer auch Instrumente der Macht

Mit Luciano Floridi gesprochen ist der Mensch ein Inf-org, ein Wesen, das durch bessere Informationsverarbeitung die Zeichen der Welt besser decodiert und dadurch zu besseren Entscheidungen kommt. Karten sind dabei wichtige Instrumente zur Orientierung. Meist waren sie in den Händen der Mächtigen. Nur sie konnten sich die Späher und Kartographen leisten, Papier und Stifte und vor allem die Deutungshoheit. Mit der Kolonialisierung der Welt erlebte die Vermessung der Welt ihren Höhepunkt. Nationen führten Kriege, um Raum zu erobern, die Karten neu zu zeichnen.
Und jetzt die Digitalisierung. Herfried Münkler spricht vom “entstaatlichten, asymmetrischen Krieg”, in dem nicht mehr der Raumgewinn zentral ist, sondern Drogenpfade und geheime Konten, Narrative in sozialen Netzwerken und vernetzt arbeitende Gefolgschaften. Der Krieg pendelt zwischen realen und virtuellen Räumen. Daten sind das Getriebeöl der Wirtschaft. Mit ihnen wird auch der reale Raum erobert, denn sie sind das wirkungsvollste Mittel zur Orientierung. Deshalb ist die Auseinandersetzung so heftig zwischen Staaten und den sozialen Netzwerken: Es geht um Daten. Cyberkriminalität zu beherrschen ist für Kriegsherren mindestens ebenso wichtig wie Panzer zu steuern.

Der Künstler Simon Weckert hat mit einer Aktion und  Moritz Ahlert mit einem begleitenden Text auf die Bedeutung von Google Maps hingewiesen. Weckert zog langsam mit 99 Android-Smartphones in einem kleinen Wagen durch Berliner Straßen. Da auf allen Smartphones Google Maps aktiviert war, meldete Google Staugefahr auf diesen Straßen und lenkte dadurch den Verkehr um. Dieses Spiel mit der Technologie weist auf die prägende Macht hin, die Karten für unsere Orientierung in der Welt haben. Und dass die Digitalisierung auch die Art von Karten verändert hat: Sie sind interaktiv, ständig im Fluss und auf die jeweiligen Betrachter angepasst.

Google hat die meisten Daten, die uns leiten in den meisten unserer Handlungen. Und es bezieht diese aus dem Verhalten der Nutzer. Google hat Macht zur Steuerung.

Google Maps ist eines der wichtigsten Netzwerke für Firmen

Mike Elgan hält Google Maps für das wichtigste soziale Netzwerk für Firmen: Man kann direkt mit den Firmen kommunizieren und ihnen Fragen stellen. Mit Google My Business kann man seine Firma mit Google Maps vernetzt den Kunden besser präsentieren (siehe hier unser Interview mit Christine Kroos von Google zum Data Summit) und local Guides führen die Kunden durch ihre Empfehlungen zum eigenen Angebot. Die Indoor-Maps von Google ermöglichen auch die Orientierung an Flughäfen, Einkaufszentren oder Stadien. Und die virtuellen Touren durch den eigenen Laden und oder die eigenen Angebote sind mit einem Click möglich über Google Earth VR.

Corona – und die Grenzen von Google Maps und einer App

Die Corona-Krise hat gezeigt, dass Google klare Grenzen hat. Wir haben keine sinnvollen Antworten, keine Vorwarnungen von Google erhalten (siehe hier unser Beitrag, warum Google Flu Trends nicht (mehr) funktioniert). Die Daten, die Google erfasst und ermittelt, dienen nicht dazu, die Gesellschaft vor einer Pandemie zu warnen oder gar zu schützen. Denn sie wurden zu einem anderen Zweck erhoben: Der Algorithmus muss so optimiert werden, dass durch die höchste Relevanz von Treffern die bestmögliche Ausspielung von Werbung erfolgen kann. Sonst funktioniert das Geschäftsmodell von Google nicht mehr. Relevanz hängt von der Intention des Kunden ab, seinen Erwartungen und Wünschen, schnell an das Ziel zu kommen. Und der Kunde zahlt mit seinen Daten für diese Befriedigung seiner Wünsche.
Im Fall von Corona wollen einige Kunden gewarnt werden, falls sie sich angesteckt haben. Aber andere wollen vermeiden, erkannt zu werden, wollen sich gerade nicht zeigen und unentdeckt bleiben, aus welchen Gründen auch immer. Und der Hauptkunde, der Staat, hat ein Interesse, seine Bürger bestmöglich organisieren oder gar kontrollieren und überwachen zu können. Die Interessen gehen also weit auseinander. Soll ein Dienst wie Google Maps oder eine App helfen, so kann das nicht auf der freiwilligen Vereinbarung “Service gegen Daten” beruhen. Es braucht eine moralische oder ethische Verpflichtung und Überprüfung, so wie beim Thema Impfung oder Organspende. Und hier bedarf es politischer und gesellschaftlicher Diskussionen und einer gesetzlichen Legitimierung, die weit über die tolerierbare Macht eines Konzern hinausgeht. Gesundheit ist einer der wenigen Bereiche, bei denen die Verantwortung des Staates seinen Bürgern gegenüber offensichtlich ist und der Nutzen politischen Handelns klar wird. Gesundheit darf deshalb nicht als ökonomisches Gut verhandelbar sein.

Was macht ein soziales Netzwerk aus?

Soziale Netzwerke bieten verschiedene Leistungen. Man kann:

  • eigene Inhalte veröffentlichen und mit anderen teilen,
  • neue Themen entdecken, sich darüber austauschen und sie bewerten,
  • Kontakte pflegen und neue aufbauen und
  • somit schnell erkennen, wie die Welt, mein Umfeld so funktionieren.

Der Mensch ist als Hordentier immer angewiesen auf den Abgleich mit den Gesetzen und Regeln aller. Er bildet seine Identität im Blick der Anderen. Soziale Netzwerke geben ihm Sicherheit und Orientierung, indem sie ein kontinuierliches Abtasten von richtig und falsch, gut und böse, schön und hässlich ermöglichen. Die Bewertung der Masse und der Freunde hilft dabei, den eigenen Standpunkt zu erkennen. Zu weit weg vom Zentrum birgt Gefahren, die Nähe Macht.
Die Qualität der Daten, der Informationen macht auch die Qualität des jeweiligen Netzwerks aus. Seilschaften, exklusive Klubs und Kreise zeichnen sich ja dadurch aus, dass man Dinge erfährt, die sonst niemand weiß. Und hier kommt ein spannendes Merkmal des digitalen Marktes ins Spiel: Durch Big Data-Analysen kommt man plötzlich an Informationen, die vorher nicht sichtbar wurden. Und durch die Vernetzung von Daten werden Erkenntnisse möglich. Denn es werden Muster erfasst wie “Kunden, die hier waren, gingen dann dorthin” / “Kunden die das gut fanden, fanden auch jenes gut” / “die hier beschrittenen Wege wurden von den meisten so oder so wahrgenommen” etc.. Kennt man diese Muster, dann ist das ein Wissensvorteil, der bessere Entscheidungen ermöglicht. Und das entsteht nicht in exklusiven Zirkeln und Experten, sondern durch Crowdsourcing, die Kraft der Masse. Alle teilen ihre Daten, allen werden diese zur Verfügung gestellt, alle profitieren. Das ist das vermeintliche Versprechen der großen Ökosysteme, von Google bis Facebook und Microsoft. Die Diskussionen um die NSA, Hacker-Angriffe bei Wahlen oder Anhörungen in Kongressen verdeutlichen, dass Daten immer auch Macht bedeuten und exklusiv genutzt werden wollen.

Google Maps ist ein soziales Netzwerk in dem Sinne, dass

  • die Daten von den Kunden an verschiedensten Stellen selbst generiert werden (über Bewertungen, Fotos, Suchverhalten…) und
  • die unterschiedlichsten Daten genutzt werden, von Kunden bewusst erstellte bis hin zu von Kunden unbewusst gelieferten und
  • den Kunden dadurch Dienste angeboten werden, die die Orientierung in der Welt so einfach machen wie nie zuvor.

Google ist verständlicherweise kein soziales Netzwerk im Sinne von Facebook, Tik-Tok oder LinkedIn: Dort liegt der Schwerpunkt auf den Inhalten und dem Austausch darüber sowie der Vernetzung. Aber es ist eines in Bezug auf das Geschäft mit Daten und der Ableitung von Handlungen daraus.

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www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.