Das Corona-Narrativ – Teil 3: Warum Handeln in der Krise Trumpf ist – aber nachdenkliches Agieren in komplexen Systemen lebensnotwendig

Avivah Wittenberg-Cox fragt in einem Artikel in Time, (hier eine Zusammenfassung von RND) warum so viele Länder mit einer besonnenen, weiblichen Führung, die Krise so gut meistern im Vergleich zu anderen und der Guardian u.a. haben das aufgegriffen. Nun ist das Thema Führung nicht das einzige Kriterium bei der Bewältigung einer Krise und der Blick ist in diesem Artikel weit entfernt von einer belastbaren Studie (siehe hier die Kolumne von Birgit Schmid in der NZZ). Aber er wirft einen Blick auf Merkmale, die anscheinend in Deutschland, Taiwan oder Island eine andere Ausprägung erfahren: Wahrheit, Entschiedenheit, Technologie und Liebe. Mit Hilfe des Cynefin-Modells zu Entscheidungssituationen in der Krise soll dies mit anderen Merkmalen näher untersucht werden.

Das Cynefin-Modell eignet sich gut, um die Herausforderungen in Krisensituationen (=chaotic) zu erfassen. Während man in einfachen Situationen (=simple) auf Bewährtes vertraut und ein Problem nur richtig bewerten muss, um es zu lösen (z.B. erkennen, ob bei einem Fahrrad der Schlauch ein Loch hat), muss man in komplizierten Situationen (=complicated) Experten zu Rate ziehen (z.B. zur Autowerkstatt gehen bei einem Defekt an der Elektronik des Wagens). In komplexen Situation (=complex) hilft aber nur der Test, aus dem man dann weitere Maßnahmen ableiten kann. “Ich weiß, dass ich nicht weiß” ist hier Prinzip und man kann sich nur von einer gut begründeten und bewährten Annahme zur nächsten retten. In chaotischen Situationen hilft hingegen im ersten Schritt nur eine Beruhigung der Situation durch schnelles Handeln (z.B. indem man das Bluten einer offenen Wunde stillt), um dann möglichst bald durch die gute Koordination von Krisenstäben und das rasche Sammeln von Expertenmeinungen eine komplexe bzw. komplizierte Situation herbeizuführen.

Das Cynefin-Modell: Im Chaos ist Handeln Trumpf, nicht Nachdenken!

Zwei scheinbar gegenläufige Trends zeigen sich in der Krise: Der Ruf nach Führung und nach Expertenwissen. Beiden gemeinsam ist die Sehnsucht nach Sicherheit. Der verständliche Reflex einer gebildeten Gesellschaft ist, dass sie sich an Experten wendet. Experten sind die Garanten für ein Funktionieren in komplizierten Systemen. Und wenn einfache Antworten (siehe Kategorie “simple” im Cynefin-Modell) nicht ausreichen, wendet man sich in der nächsten Stufe an die, die komplizierte Sachverhalte kennen, weil sie hierfür Experten sind. Diese werden plötzlich zu Rockstars, so wie der Virologe Christian Drosten (siehe hier die Reflexion, warum und wie dessen Podcast Millionen von Menschen erreicht) und müssen sich plötzlich in einem für sie neuen Medienumfeld zurecht finden (siehe hier die differenzierte Auseinandersetzung von Dennis Horn mit Drostens Medienkritik). Sie versprechen Heilung, weil ihre Antworten Gewicht haben. Wir vertrauen ihnen, weil wir ihnen vertrauen wollen. Das öffentlich-rechtliche Programm erhält einen ungeahnten Aufschwung, vor allem bei den jüngeren Zielgruppen.
Das Problem: Ihre Antworten gelten für einfache und komplizierte Situationen. Eine Epidemie ist aber komplex bis chaotisch, zieht man zur Betrachtung hier das Cynefin-Modell zu Rate. David J. Snowden und Mary E. Boone haben in ihrem berühmten Aufsatz mit Handlungsempfehlungen klug zwischen einfachen, komplizierten, komplexen und chaotischen Situationen unterschieden. Expertenmeinungen sind zwar immer wichtig, sie können aber in komplexen und chaotischen Situationen keine gültigen Antworten bieten. Dazu braucht es zum einen ein Team von Experten, die sich abstimmen, dann einen Prototypen, den man testet und dazu auch jemanden, der diese Zusammenführung moderiert. Gute Experten verweisen deshalb immer darauf, dass man im Team weiter kommt, dass erst das Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven sinnvolle Lösungen bringen kann und die dauernde Reflexion der eigenen Position nötig ist (so wie die national beachteten Thesenpapiere und Empfehlungen der Leopoldina vom 13.4.2020, des ifo-Instituts vom 9.4.2020, des Deutschen Ethikrats vom 7.4. oder der Helmholtz-Initiative vom 13.4.2020):  Vor allem wird erkennbar, dass eine einfache Antwort nach dem Schema “actio-reactio” nicht ausreicht. Komplexe Systeme reagieren unbeständig, sprunghaft. Die Corona-Krise wird man nicht dadurch meistern, dass man auf eine Maßnahmen alleine setzt, sondern indem man eine Vielzahl an Maßnahmen beschließt, ausprobiert und laufend analysiert: Verdoppelungszeiten reduzieren, Kontaktmöglichkeiten einschränken, Risikogruppen gesondert beobachten, lokale Studien durchführen und in Vergleich setzen, Kennzahlen optimieren, Impfstoffe erforschen, Immunität aufbauen… Die Liste der Maßnahmen ließe sich auf Anhieb schnell fortführen.

Warum Trump trotz der vielen Fehler Zuspruch erhält

Donald Trump hat wie andere Populisten wohl instinktiv erkannt, dass in diesen digitalen Zeiten der dauernde Angriff auf mögliche Gegner die beste Taktik ist, um Wähler in den USA zu mobilisieren. Denn wenn es schwer fällt, sich auf gemeinsame Werte zu besinnen, dann fällt es doch umso leichter, gegen etwas zu sein. Wenn man in seinen laufenden Angriffen immer eine chaotische Welt suggeriert, dann rechtfertigt das den eigenen Aktionismus. Dieser erscheint zumindest auf den ersten Blick hilfreich, um aus der Krise herauszukommen. Wenn man laufend gegen Europa, die UN, die WHO, China oder die Mexikaner kämpfen muss, dann braucht es scheinbar Männer der Tat, die sofort eine Lösung verkünden können. Dabei geht es nicht um Kohärenz und eine sinnvolle Begründung, sondern nur darum, Sicherheit vorzutäuschen, weil die Lösungen für komplizierte und komplexe Situationen länger dauern und mühselig sind. Machthaber aller Zeiten haben in Krisenzeiten immer überraschend viel Zuspruch erhalten, selbst wenn sie die Krise oft selber verschuldet haben. Traditionell hat es die Opposition in Krisenzeiten immer schwer: Die Exekutive ist gefragt (hier über piqd zum Beitrag von Florence Schulz zur Situation der Opposition in Deutschland und den hohen Umfragewerten der bürgerlichen Parteien). Es scheint so, dass der Mensch am eigenen Überleben mehr interessiert ist als an einem kohärenten, sinnhaften Lebensvollzug.
Angela Merkel kann hier fast schon als Gegenentwurf gesehen werden, weil die zurückhaltend abwägende Art auf “analyze” und ein wenig “probe” setzt.
Entscheidend sind hier neben analytischen Kompetenzen und Handlungsstärke auch kommunikative Fähigkeiten und gutes Projektmanagement. Passend hierzu sei aus The Atlantic ein Beispiel für den lobenden Blick aus dem Ausland erwähnt mit dem sprechenden Titel: “The Secret to Germany’s COVID-19 Success: Angela Merkel Is a Scientist. The chancellor’s rigor in collating information, her honesty in stating what is not yet known, and her composure are paying off.”
Analytische Fähigkeiten, Moderation und Bündelung von Expertenmeinungen und schrittweises Ausprobieren müssen Teil der Ausbildung von Medienkompetenz sein. Denn nicht jeder ist zur Führungsperson geboren, nicht jeder verfügt über dieselben analytischen Fähigkeiten – aber alle müssen Teil des Teams sein und ihren Beitrag leisten können. Sie müssen ihre Rolle in Teams verstehen und verschiedenste kommunikative Situationen gut erfassen können.
Im Umgang mit Corona zeigt sich auf lange Sicht eine Stärke von Demokratien: Sie setzen auf die Pluralität der Meinungen und lassen konträre Ansichten zu. In komplexen Systemen ist das von entscheidendem Vorteil, denn die Antworten können nicht alleine von der Führung kommt. Jede Führung macht Fehler und kann vor allem in diesen Zeiten nicht alles wissen. Dass die chinesische Regierung lange die Corona-Fälle zensiert hatte und das Aufkommen leugnete, hatte fatale Konsequenzen für viele. Dass sie danach entschlossen handelte ist wiederum ein Vorteil von Diktaturen. Das Problem ist jedoch, dass der Mensch aber von Natur aus zu Fehlern neigt. Schon Platon wusste, dass die ideale Staatsform zwar die Monarchie wäre, aber da es keinen idealen König gibt, die Demokratie immer den Vorzug erhalten sollte. Historiker wissen, warum die Blütezeit der ersten Demokratie der Welt in Griechenland auch mit einer Vielfalt an künstlerischen Werken, literarischen Texten und philosophischen Debatten einherging  (siehe hierzu auch das Gespräch zwischen Jared Diamond und Yuval Noah Harari, in dem letzterer auf die Demokratie als beste aller Staatsformen hinweist zur Lösung der Probleme des 21. Jahrhunderts, ab Minute 36).

In einer Serie von Artikeln versuchen wir uns dem Thema Medienkompetenz zu nähern. Die Corona-Krise schärft unseren Blick. Und sie weist uns darauf hin, was wir in den nächsten Jahren im Blick behalten sollten. Dabei gilt natürlich ein Spruch aus dem Big Data-Management: “What´s right on Monday is wrong on Tuesday”. Jeden Tag verändert sich die Datenlage und führt zu neuen Analysen. Trotzdem müssen wir auch längerfristig planen und dabei agil Annahmen immer wieder überprüfen. Mit unserem neuen Studiengang Digital Media Manager wollen dazu beitragen. Der gemeinsame Diskurs muss aber auf vielen Ebenen geführt werden. Wir freuen uns deshalb über Rückmeldungen, Anregungen und ein Weiterdenken.

Die Themen im Überblick

  1. Warum alle Zahlen falsch und richtig sind
  2. Warum uns KI nicht vorgewarnt hat – oder wo war Google Flu Trends?
  3. Warum Handeln in der Krise Trumpf ist – aber nachdenkliches Agieren in komplexen Systemen lebensnotwendig
  4. Wie man das eigene Narrativ kritisch bewerten kann
  5. Was Medienkompetenz in der Corona-Krise bedeutet

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www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.