Das Corona-Narrativ – Teil 4: Wie man das eigene Narrativ kritisch bewerten kann

Die falsche Bewertung einer Krise verschärft diese. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Annahmen laufend zu überprüfen. Ist COVID-19 gefährlicher als die Grippe? Ist eine Ausgangssperre sinnvoll oder soll man auf Herdenimmunität setzen? Soll man zum Schutz einiger Betroffener Freiheitsrechte außer Kraft setzen? … Die Liste der Fragen kann beliebig verlängert werden und sie umfasst alle Bereiche des menschlichen Lebens.
Auf der Suche nach der richtigen Antwort muss man die Quellen genau untersuchen und die Bedingungen der jeweiligen Argumentation. Dazu hilft nochmal ein Blick auf den Begriff des Narrativs.

Der Ausgangspunkt: Es gibt keine objektive Wahrheit

Um zu erkennen, wem man in der Diskussion um Corona trauen kann und wem nicht, empfiehlt sich ein Blick auf die Experten, in diesem Fall die erkenntniskritischen Philosophen und Denker, die sich mit der Wahrheit und Lüge von Geschichten befasst haben.
Das Narrativ ist eine relativ neuer Begriff, mit dem man zu umschreiben sucht, welche sinnstiftende Geschichte man sich erzählt, um sich daran orientieren zu können. Der französische Philosoph Jean-François Lyotard  gilt als Urheber und man kann auf das Umfeld der Postmoderne verweisen, den Dekonstruktivismus und die kritische Diskursanalyse oder die Systemtheorie Luhmanns und einige weitere Gedankenströme des 20. Jahrhunderts, die einen Gedanken teilen: Es gibt keine “objektive” Realität, auf die sich alle gleichermaßen berufen können. Jede Betrachtung der Welt hat ihre Grenzen in den Medien, die ihnen zur Verfügung stehen. Die kritische Reflexion der eigenen Bedingungen ist die Voraussetzung für ein Verständnis der Welt – oder anders ausgedrückt: “Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.”

Die Empfehlung der Leopoldina vom 13.4.2020 kann mit Hilfe von Algorithmen (hier der CONTEXTSUITE von moresophy, gegründet von einem der Professoren des Studiengangs Digital Media Manager) schnell analysiert werden. Erkennt die Software automatisch in Bild 1 die prägenden Schlagwörter und die Zuordnung des Textes zu Narrativen im Bereich “Medizinische Gesundheitsversorgung”, so zeigt das Bild 2, welche Schlagwörter man verstärkt in den Vordergrund rücken sollte, will man seine Zielgruppe mit diesem Narrativ besser ansprechen. Will man hingegen an Narrative im Zusammenhang mit Politik (Bild 3) oder Familie (Bild 4) anknüpfen, sollte man wieder andere Schlagwörter in den Mittelpunkt rücken und zu diesen entsprechende Antworten formulieren. Auf diese Art kann man fremde Narrative besser entschlüsseln und eigene besser gestalten. Eine Beherrschung derartiger Werkzeuge wird immer bedeutender, will man künftig auch kommunikativ Krisen meistern. Social Media Manager und Contentmanager beginnen auch mit vergleichbaren Softwareprogrammen zu arbeiten. Sie werden deshalb bedeutender, weil man dann die eigenen Texte und Botschaften regelmäßig einer kritischen Prüfung unterziehen kann – ebenso wie die von anderen Anbietern.

 

Jedes Narrativ ist von eigenen Interessen geleitet

Um zu erkennen, welchem Experten man trauen kann, ist eine kritische Betrachtung aller Thesen nötig. “Qualitätsjournalismus” hat genau diese Aufgabe, möglichst schnell und genau die Bedingungen von Narrativen zu untersuchen. Beispielhaft sei hier die Analyse von Christian Schwägerl und Joachim Budde auf Riffreporter genannt zur Vermischung von PR, Wissenschaft und politischer Agenda am Beispiel der “Studie aus Heinsberg” zum Thema Corona. Danach wurde plötzlich kritischer über diese Studie berichtet, wie hier von Capital.
Journalismus heißt nicht, wie in der Wissenschaft Erkenntnisse zu produzieren. Dafür ist die Zeit zu knapp. Die Qualität besteht darin, die medialen Bedingungen und Implikationen zu erkennen. Denn das ist die Expertise von Journalisten. Dies kann in ausführlicher Form geschehen, indem man die in Teil 5 aufgeführten Kriterien für Medienkompetenz überprüft: die persönlichen Antriebe gehören dazu wie die Beherrschung der digitalen Technologien zur Analyse der Narrative, die jeweilige moralische und rechtliche Grundlage sowie die jeweilige Kommunikationssituation. Man kann die wissenschaftlichen Ergebnisse dann aber auch für ein breites Publikum aufbereiten, wie hier von Mai Thi Nguyen-Kim, die die mediale Kommunikation von drei führenden Virologen (Drosten, Streek, Kekulé) miteinander vergleicht und kritisch deren Narrative beurteilt. Die von ihr vorgenommene Verkürzung der Bewertung auf “What” (Was sagt der Experte?) und “So what” (Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus?) ist eingängig und erreicht dadurch ein breites Publikum. Es klammert zwar das “How” (Wie werden die Ansichten medial vermittelt und welche Beschränkungen weisen die jeweiligen Medien auf?) und “Why” (Aus welchen Gründen wird die jeweilige Position vertreten?) aus, aber das Ergebnis ist eine sachlich gute Analyse. Und diese sind nötig in unseren Zeiten. Denn allzu gerne vertraut man in Krisenzeiten den Experten. Sowohl Hendrick Streeck wie auch Alexander Kekulé erweisen sich der Rolle als verantwortungsvolle Experten nicht in allen Punkten gewachsen. Denn sie sind jetzt nicht nur Wissenschaftler und ihr analytischer Sachverstand ist gefragt (bei Kekulé gibt es hier berechtigte Nachfragen), sondern auch ihre Fähigkeit, die eigenen Grenzen zu erfassen. Denn Lösungen werden nur im Team mit anderen Spezialisten möglich sein. Wenn aber diese Experten voreilig Schlüsse ziehen, sich vor politisch motivierte Karren spannen lassen oder gar vorlaut “Lösungen” propagieren, die ihre Expertise übersteigt, dann missbrauchen sie ihre Medienwirksamkeit  (siehe Teil 3 unserer Serie, in dem wir mit Hilfe des Cynefin-Modells zeigen, warum die Expertenmeinung allein keine Lösung bringen kann).

Digital literacy fällt nicht vom Himmel – sie muss erlernt werden

Und natürlich muss man an dieser Stelle erwähnen, dass das nur ein erster Schritt ist. “Digital literacy” ist zu Recht ein zentraler Begriff geworden und benennt die Fähigkeit, kritisch mit digitalen Medien umgehen zu können. Luciano Floridi bemängelt zu Recht die vermeintliche Lösung durch eine App als Lösung des Corona-Problems mit dem Hinweis, dass das alle ausgrenzt, die nicht die “basic digital skills” haben. Medienkompetenz erlernt man aber durch den kritischen Gebrauch aller Medien. Erst der Vergleich der jeweiligen Medien miteinander ermöglicht eine Einsicht, welche Chancen, Grenzen und Risiken die jeweiligen Lösungen haben. Konnte die belesene Gesellschaft in Boccaccios Decamerone das Lesen und Erzählens als zentrale Fähigkeit sehen, so müssen wir auf mehr Ebenen diese Fähigkeiten entwickeln. Deshalb ist eine breite Kulturlandschaft nötig, die über YouTube-Videos und Podcasts hinaus die kritische Auseinandersetzung und Medienkompetenz fördert. Denn die vertiefende Auseinandersetzung mit z.B. den Büchern von Jared Diamond oder Yuval Harari, den Theorien von Umberto Eco oder Niklas Luhmann ermöglicht auch eine bessere Bewertung von “Corona-Experten”. Vertiefendes Lesen fördert, wie es schon Maryanne Wolf fordert.
Zugleich muss man mit Zahlen arbeiten können. Das Modell der Universität Hohenheim zeigt, dass neben Sprachkompetenz auch Statistik gefragt ist, will man die Annahmen auch in Szenarien überprüfen. Grob gesagt: Mathe und Deutsch sind Grundlagenfächer – und gemeinsam bieten sie Lösungen (siehe hierzu auch die Erläuterung zum Modell, mit dem man seine Annahmen überprüfen kann).

Jedes Narrativ muss die Sprache seiner Zielgruppe sprechen

Sprache ist nie eindeutig, Kommunikation ist immer unscharf. Je genauer man aber den Kontext der Adressaten erfasst, desto eher wird man wahrgenommen. Und hier helfen digitale Analysen. Algorithmen können große Textmengen analysieren und in Bezug setzen zu Diskursen im Netz und spezifischen Ausdrucksweisen und Fokussierungen in verschiedenen Milieus und Kontexten. Das hat den großen Vorteil, dass nicht nur die eigenen Erfahrungen und Sprachkompetenzen zählen. Man erkennt am Suchverhalten und der Wahrnehmung von Texten, wie sich bestimmte Diskurse etablieren und durchsetzen und andere weniger. Wer mit seinem Narrativ auf Resonanz stoßen möchte, muss dieses daher auch sprachlich auf die Besonderheiten der jeweiligen Zielgruppe anpassen.

Eine semiotische Analyse der Videos von Mai Thi Nguyen-Kim, wie sie Umberto Eco erstmals vorgeführt hat, würde hier zu weit führen. Aber sie würde zeigen, dass alle Elemente klug miteinander verknüpft sind und die Botschaften, ob bewußt oder unbewußt, von Medienkompetenz zeugen. Einfache Zusammenfassungen wechseln mit live-Demonstrationen von statistischen Auswertungen und Interviews. Sie alle belegen Kompetenz, ohne aber in den Details nachprüfbar sein zu wollen. Dadurch werden sie für ein breites Publikum verständlich. Und dass ist eine Aufgabe von Wissenschaftsjournalisten. Zudem sind Botschaften wie der einfache Schreibtisch zu Hause, der Teebeutel (“nehmt Euch ein wenig Zeit” – “wir brauchen Ruhe und Geduld” – “das was ich hier erkläre ist wichtig, deshalb hab ich auch keine Zeit, den Teebeutel rauszuholen”) oder das Mikrofon alle Teil eines Narrativs, das hier auch schlüssig vermittelt wird.

Dass YouTube oder Podcasts jetzt Konjunktur haben kommt nicht von ungefähr: Diese Formate erreichen die Zielgruppe leichter und besser als andere. Und die “Medienstars” wie Mai Thi Nguyen-Kim (hier auf YouTube) oder Christian Drosten (hier zum Podcast über NDR Info) verstehen es, komplizierte Themen verständlich zu vermitteln, ohne dass sie die Komplexität aus den Augen verlieren. Dadurch sprechen sie verschiedene Zielgruppen an, vor allem interessierte Laien in der Materie, die aber einen fundierten und kritischen Blick erwarten. An ihren Auftritten lässt sich erkennen, was Medienkompetenz auch heißt: Geschickt mit den verschiedenen Formaten arbeiten und sie so einsetzen, dass sie effektiv wirken und zugleich argumentativ überzeugen. Diese Kunst beherrschen nicht alle, denn man muss die beiden Rollen “Denker” und “Schauspieler” miteinander verknüpfen. Man muss logisch aus der Sache heraus argumentieren können – und zugleich auch einem Publikum gefallen wollen, sich gerne zeigen und in den Dialog treten. Diese beiden Haltungen können nicht zeitgleich gut funktionieren, denn das eine braucht Ruhe und Konzentration, das andere Empathie und Reaktionsfähigkeit. Und zugleich muss man bei einem großen Publikum auch Scheuklappen aufsetzen können, angesichts der zuweilen  hanebüchenden Kommentare, die man erntet, denn viele Trittbrettfahrer wollen durch die hohe Reichweite auch ihren Kommentaren auch gleich dieselbe Akzeptanz gönnen.

In einer Serie von Artikeln versuchen wir uns dem Thema Medienkompetenz zu nähern. Die Corona-Krise schärft unseren Blick. Und sie weist uns darauf hin, was wir in den nächsten Jahren im Blick behalten sollten. Dabei gilt natürlich ein Spruch aus dem Big Data-Management: “What´s right on Monday is wrong on Tuesday”. Jeden Tag verändert sich die Datenlage und führt zu neuen Analysen. Trotzdem müssen wir auch längerfristig planen und dabei agil Annahmen immer wieder überprüfen. Mit unserem neuen Studiengang Digital Media Manager wollen dazu beitragen. Der gemeinsame Diskurs muss aber auf vielen Ebenen geführt werden. Wir freuen uns deshalb über Rückmeldungen, Anregungen und ein Weiterdenken.

Die Themen im Überblick

  1. Warum alle Zahlen falsch und richtig sind
  2. Warum uns KI nicht vorgewarnt hat – oder wo war Google Flu Trends?
  3. Warum Handeln in der Krise Trumpf ist – aber nachdenkliches Agieren in komplexen Systemen lebensnotwendig
  4. Wie man das eigene Narrativ kritisch bewerten kann
  5. Was Medienkompetenz in der Corona-Krise bedeutet

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Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.