Dritte Orte: Wie Bibliotheken Begegnung bieten

Mit der Digitalisierung wurde Bibliotheken oft schon der Tod vorhergesagt. Als Beispiel mag das Interview mit dem Leiter der Bibliothek der ETH im Februar stehen, in dem er Bücher für überflüssig erklärt und heftige Reaktionen hervorruft. Disruptive Change und die Ersetzung des Gedruckten hat sich bei Wörterbüchern, Lexika oder den Falkplänen ja schon schnell gezeigt und nicht erst  Warren Buffet sagt den Zeitungen ihren baldigen Tod voraus. Wenn Print tot ist, wozu dann noch Bibliotheken, die seit Jahrhunderten Handschriften und Gedrucktes sammeln? Auf den ersten Blick scheint das stimmig. Aber nur auf den ersten, denn es ist liegt kein logischer Schluss vor, nur eine Analogie. Analogien sind zwar einprägsam und im politischen Diskurs omnipräsent, aber sie werden nicht umsonst seit Jahrhunderten als rhetorisches Stilmittel bezeichnet, nicht als logische Schlussfolgerung. Nun gibt es offensichtliche Gründe für eine Veränderung der Bibliotheken:

Allein der Masse an Informationen ist nur mehr digital zu begegnen, vieles liegt gedruckt gar nicht vor und die Kunden bewegen sich als Leser und Autoren sowieso schon im Netz. Vorsicht ist jedoch geboten bei der damit verbundenen Hochrechnung, dass das Gedruckte verschwindet – und dass die Bibliothek keinen Sinn mehr macht, weil wir doch zu allem über unser Smartphone Zugang haben.

 

Die Stadtbibliothek in Stuttgart zeigt spielerisch, was sie zu bieten hat. Sie öffnet sich dem Besucher und gewährt Einblicke in ihre Automatismen, die digitalen Meinzelmännchen im Hintergrund. Sie fördert so das Bild einer offenen Gesellschaft, die sich bewusst mit ihren Inhalten auseinandersetzt und wie diese zustande kommen.

 

Folgende Beobachtungen sollten zu denken geben, bevor man in den Abgesang auf die Bibliotheken einstimmt:

  1. Das Gedruckte wird noch lange, sehr lange relevant sein, unabhängig von den Umbrüchen in der Verlagslandschaft. Denn die Altbestände wollen gesichtet, verwaltet, zugänglich gemacht werden. Und auch der Markt für Gedrucktes ist nicht in allen Bereichen tot. Er schwindet, aber wie bei allen Medienumbrüchen gibt es auch hier kein entweder-oder, sondern ein sowohl-als-auch beim Leser. Der Wissenschaftsmarkt folgt anderen Regeln als der der Belletristik oder der Fachzeitschriften. Deshalb werden Bibliotheken nach wie vor gesucht. Und wenn sie sich den digitalen Möglichkeiten öffnen, haben sie beste Chancen.
  2. Bibliotheken sind spezialisiert auf das Auffinden von Informationen. Nun sorgt sich zwar Google auch intensiv darum, das allen Menschen einfacher zu machen, aber trotzdem bleibt das Stöbern an einem Ort, das unabhängige Finden von Neuem, von Unbekanntem als Kernkompetenz. Diese Unabhängigkeit von einem US-Konzern macht Bibliotheken interessant. Denn deren Metadaten sind nicht abhängig von Werbebotschaften, die daran geknüpft sind. Sie sind nur der Aufklärung verpflichtet. Und sollten Bibliotheken ihre Rollen als Kuratoren ernst nehmen, könnten sie die besseren Verlage werden. Denn ihr Wissen um das Auffinden, das Sichtbarmachen von Informationen, gepaart mit einer Dosis Journalismus und Wissen um Verlagsprogramme könnte sie in die Lage versetzen, ausführlich über die aktuellen Entwicklungen zu informieren.
  3. Bibliotheken sind Orte der Begegnung. Sie bieten einen Rückzug vom Alltag, von der Familie, dem Treiben der Straße. Sie laden ein zum Gespräch mit Autoren und ihren Gedanken. Und in ihren Lesesälen muss man nicht einsam sein, wenn einem ein Text nicht gefällt. Gleichgesinnte treffen sich hier, lassen sich zuweilen auch zum Kaffee einladen und zeugen von der Bedeutung dieses Ortes.

Wir haben uns die letzten 20 Jahre schon häufiger geirrt bei unseren Annahmen über den Zeitpunkt und das Ausmaß der Veränderung. Meistens haben wir uns dann nur an den Inhalten orientiert und dass diese einfacher in digitalen Medien zu nutzen sind. Natürlich habe ich auf kochbuch.de mehr Rezepte, aber es geht vielleicht bei all den Kochbüchern nicht allein um das Rezept, sondern um mehr. Es ist Zeit, an McLuhans Gehirnmassage zu erinnern, an die Bedeutung der Trägermedien: „The medium is the Massage“. So wie es ein Medium braucht, das sinnstiftende Informationen vermittelt, so braucht es auch Instanzen, die dafür stehen und Orte, an denen sie sichtbar werden.

 

Die La Biblioteca Pública Virgilio Barco wurde von Rogelio Salmona als Bühne für den Austausch aller Medien konzipiert. Von Street Art bis Theater, von Lesungen bis Ausstellungen ist dort alles sichtbar und anfassbar. Die viel bemühte „cultural literacy“ wird hier vorgelebt und die „Bibliopolis“ ist die Vision: ein Ort der Kommunikation für alle Bürger. Kolumbien hat in den letzten Jahrzehnten viel Geld in die Bildung der Gesellschaft investiert. Und Bibliotheken sind dabei markante Bausteine dieses Prozesses (siehe auch unseren Artikel hierüber).

 

Der Soziologe Ray Oldenburg spricht von „Dritten Orten“ als den Räumen für die politische und soziale Begegnung, als Orte für die Demokratie, neben den privaten und beruflichen Räumen. Nicht von ungefähr wird dies seit den 90ern zum Thema: In den Ballungsgebieten prägen die großen Firmen und Investoren das Stadtbild und Computer verändern die Arbeitswelt. Shoppingmalls und „Einkaufsstraßen“ sind das ökonomische Gebot der Stunde und Fläche wird in Umsatz gemessen.  Die Begegnung verlagert sich auf die Transaktion, den Kauf, den Handel. Und hier treten die Bibliothek und die Medien auf den Plan. Sie machen Informationen zugänglich, indem sie sie im richtigen Medium kundengerecht aufbereiten, und am richtigen Ort in Szene setzen. Und das in allen Formaten, analogen wie digitalen.

Heute ist das Thema aktueller denn je: Der öffentliche Raum ist nicht nur der reale Raum, es ist auch der virtuelle Raum im Netz. Am Wahlkampf zeigt sich, dass beide gleich bedeutend sind: Die reale Präsenz türkischer Machthaber vor in Deutschland lebenden Wählern und die digitale Präsenz eines Trump oder Putin in Fake-Debatten oder Cyberangriffen zeugen davon.

 

Die Stadtbibliothek in Stuttgart des Architekten Eun Young Yi bietet Raum zum Lesen. Das Wandeln zwischen den Kategorien – jedes Stockwerk beherbergt eine – ist ein Gang im zurückhaltenden Grau, in dem einzig die Bücher Farbe geben, ein Pendeln zwischen der Konzentration unten und der Öffnung zum Himmel oben. Das Spiel mit den Worten wird in der Beschriftung der Türen und automatisierten Ablagesystemen fortgesetzt. Der Besucher erhält Raum zum Lesen, zur Inspiration. Das gedruckte Buch ist nicht mehr das Leitbild für Wissen und Lernen, es hält sich zurück und ist wie in einer Datenbank auffindbar, aber nicht erdrückend präsent.

 

In dieser Zeit des Umbruchs ist die Medienindustrie gefragt. Sie ist eine Industrie, die Einnahmen erwirtschaftet durch die Suche, Auswahl, Bearbeitung und Distribution von Informationen. Das war sie schon seit Gutenberg. Und sie versteht sich zugleich als vierte Macht im Staat, als ein Korrektiv im demokratischen Machtgefüge. Denn ohne Informationen ist keine Mitwirkung möglich. Durch die neuen Geschäftsmodelle der digitalen Ökonomie ist aber diese Balance der Mächte erschüttert. Die Bürger bedienen sich bereitwillig der zahlreichen günstigen und guten Dienste von Google, Amazon, Facebook und Co.. Aber sie können den Preis dafür noch nicht richtig einschätzen.

Robert Barth weist auf die Bibliotheken als Begegnungen hin, als „Dritte Orte“, die jetzt wichtiger werden denn je. Die starke Auslastung und die überfüllten Lesesäle sind aktuelle Belege für das Interesse. Der Direktor der Unibibliothek München, Klaus-Rainer Brintzinger, erklärt das gestiegene Interesse aller Studierenden an den Bibliotheken mit ihrer Aufgabe als Orte der Konzentration, der Begegnung, aber auch Schulung zu Literaturverwaltungsprogrammen und anderen Themen. Das sind neben dem Zugang zu Altbeständen wichtige Aufgaben.

Die Bibliothek als Ort der Verständigung: Die Bibliothek des neu eröffneten Goethe-Instituts in Kairo lädt zur Begegnung und zur Versenkung ein. Sie ist ein Ort des Dialogs in einer kritischen Zeit, mit einem kleinen Garten inmitten der Häuserschluchten, gemütlichen Sitzecken und einer Cafeteria, einem Ausblick auf die Nachbarn und dem multimedialen Einblick in deutschsprachige Stimmen.

Renommierte Architekten wie Rogelio Salmona (Virgilio Barco Bogotá),  Rem Koolhaas (Public Library Seattle), Mario Botta (Stadt- und Landesbibliothek Dortmund), Eun Young Y (Stadtbibliothek Stuttgart) oder Moshe Safdie (Vancouver Public Library, Salt Lake City Public Library) gestalten Bibliotheken und definieren ihren Ort in der Gesellschaft neu. Im Museumsbau spricht man seit Frank O. Gehrys Bau des Guggenheim-Museums vom „Bilbao-Effekt“: Die Stadt hat sich seitdem rund um das Museum neu definiert, auf dem einst stinkenden Fluss sieht man jetzt wieder Ruderboote und Kinderspielplätze säumen den Weg. Im Pendelspiel von analoger Begegnungsstätte und digital zugänglichen Informationen spielen auch Bibliotheken eine bedeutende Rolle. Bibliotheken können eine ähnliche Rolle übernehmen.

Denn sie sind als neutrale Beobachter und Sammler von Wissen ein Gegengewicht zu all den machtgierigen Akteuren im Medienspiel. Die Geheimdienste rauben, plündern, fälschen und vertuschen und liefern sich mit Hackern einen Kampf um Aufdeckung und Lecks. Politiker suchen verzweifelt nach Meinungsführerschaft, zwischen Fake News und Streuung von Nachrichten. Die großen digitalen Größen raffen Kundendaten und verfolgen zwangsläufig eigene Interessen.

Die  National Digital Library of India hat ein ausgefeiltes Schulungsprogramm und ist in dem Punkt von einem Verlag nicht zu unterscheiden. Dabei werden nicht nur Bücher, Studien und Videokurse angeboten, sondern viele weitere, digitale Formate zur Aus- und Weiterbildung sowie Forschung.

Bibliotheken hingegen sind in ihrem Ursprung neutral. Sie katalogisieren, bieten einen Zugang und überlassen die Wertung den Kunden. Sie ermöglichen und fördern, denn sie verfolgen keine ökonomischen Ziele. Das ist natürlich idealisiert, denn auch Bibliotheken sind von ihren Geldgebern abhängig, bieten Schwerpunkte, wählen aus und führen. Aber sie haben im Zusammenspiel der Kräfte mehr Kredit bei ihren Lesern. Und den gilt es zu halten und zu mehren.
Und wie stark sich Bibliotheken gerade bewegen, zeigen stellvertretend die Stimmen vom Leiter der Unibibliothek Regensburg, Schüller-Zwierlein, der diese der Öffentlichkeit mehr öffnet,  Publikationen wie das Jahrbuch Kodex Die Digitale Bibliothek, Blogs wie Bibliothekarisch.de, der 6. Bibliothekskongress vom letzten Jahr zum Thema »Bibliotheksräume – real und digital« und viele mehr. Blickt man über den Tellerrand, z.B. nach Indien, wo die flächendeckende Distribution von Büchern nicht vorhanden ist und sich Bildung nur leisten kann, wer Geld hat, dann kommt der oben schon erwähnten Initiative der National Digital Library of India eine besondere Rolle zu: Sie bietet vielen einen kostenlosen Zugang zu Wissen und schult auf verschiedenen digitalen Wegen. In den USA seien beispielhaft die University of Chicago Library (für eine Wissenschaftsbibliothek) und ihre Moderation von Diskursen sowie die  New York Public Library (für eine öffentliche Bibliothek) erwähnt, deren zentrales Gebäude wie ein Museum besucht wird und auch so auftritt mit Lesungen, Ausstellungen und einem großen Shop, die aber auch viele andere Aktivitäten vorweist. Deren Bibliothekare und andere Mitarbeiter werden als Kuratoren tätig und sie stellen den Lesern Titel vor und erläutern sie: Sie wirken wie Buchhändler und Moderatoren auf sozialen Netzwerken.

 

Die Bibliothek war auch immer ein Ort des Diskurses. Und als öffentliche Bibliothek kann sie vermitteln und denen Zugang ermöglichen, die sonst keinen Zugang finden zu Wissen, die sich mit anderen vergewissern wollen, dass das, was sie machen, sinnvoll ist, die sich an einem Ort begegnen wollen, der das einsame Reflektieren ermöglicht und das Gespräch darüber beim Kaffee und das Bewahren von Quellen, die andere nicht mehr achten, weil sie einem anderen Geschäftsmodell verpflichtet sind.

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.

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