Das mitgeteilte Buch – Bücher und social media – Teil II

Vor ein paar Wochen haben wir hier die möglichen Vorzüge von gedruckten Büchern und eBooks miteinander verglichen und auf die Bedeutung von social media hingewiesen:
https://www.smart-digits.com/2011/10/das-mitgeteilte-buch-bucher-und-social-media/
Ein paar neue Entwicklungen geben uns Anlass, hier nochmal auf das Thema einzugehen. Zumal in den USA vor allem social media für neue Firmen die treibende Kraft ist, die angestammten Verlagen die besten Autoren streitig machen wollen.

EBooks, so das Argument, könnten durch social media einen Schub bekommen, weil der Austausch über die Inhalte häufig auch auf digitalem Weg erfolgt.
Bei Fachtexten liegt es auf der Hand, dass sie schon deshalb digital sein müssen, weil sie erst so am Arbeitsplatz des Lesers präsent sind. Keiner braucht mehr ein Fachbuch über Lohn- und Gehaltsabrechnung, wenn er für diesen Zweck eine Software benutzt und ihm diese Software auch gleich die Fachinhalte dann einspielt und zur Verfügung stellt, wenn er sie braucht. Anders gesagt: Weil der digitale Arbeitsplatz fast überall Realität ist, werden auch die Fachinformationen in dieser Umgebung aufgenommen.

Bei der Belletristik und Sachbüchern spielt hingegen das Eintauchen in die Sicht des Autors eine größere Rolle und der imaginäre Dialog zwischen Leser und Werk. Und hier halten sich die Vorteile von eBooks und dem gedruckten Buch die Waage. Wenn ich mich aber über das Buch austauschen möchte mit anderen, so sind die großen Plattformen hierfür digital. Wird diese Möglichkeit des Austauschs auch das eBook beflügeln?

Das Berliner start-up readmill will jetzt die Leser derart miteinander vernetzen, dass sie zeitgleich erkennen können, welche Inhalte in eBooks markiert und hervorgehoben werden. Dadurch soll das einsame Lesen “sozial” werden. Nun kann man einigen bissigen Kommentaren hierzu im Internet durchaus folgen, die sagen, dann könne man doch bitte auch gleich jeden Toilettengang “sozial” verträglich gestalten, weil auch dieser Vorgang meist einsam erfolge. Und wichtiger noch, dass schließlich die Interaktion von Autor und Leser vorrangig ist bei Büchern. Und dazu braucht man einfach Ruhe.

Trotz aller berechtigten Skepsis kann man sich aber durchaus Situationen vorstellen, in denen eine derartige Interaktion wünschenswert ist. Über dropbox tauschen wir uns auch mit anderen über Inhalte aus, weil man gemeinsam ein Thema bearbeitet. Eine gemeinsame Analyse von Texten im Rahmen der Forschung oder Lehre kann bereichert werden, wenn die Diskussion um Textstellen über eine gemeinsame Plattform läuft. Ähnlich auch bei Forschungsergebnissen in anderen Fachgebieten. Gemeinsame Referate in der Schule über Klassiker könnten erleichtert werden.
Aber es werden wohl eher Nischenangebote sein, bei denen der gemeinsame, genaue Blick auf Inhalte nötig ist.
Lovelybooks zeigt, dass gegenwärtig der gemeinsame Austausch vorrangig dort funktioniert, wo eine Fangemeinde die Romangestalten nicht verlassen möchte und das eingebildete Miterleben durch den Austausch mit anderen in die “Wirklichkeit” trägt. Für Verlage und Buchhändler ist es ein wichtiger Weg zur Kundenbindung. Hier kann man seine treuesten Lesern treffen. Aber das Modell funktioniert, weil sie vom Autor geführt werden, weil er die Klammer bildet. Erst durch seine Präsenz im Forum wird das gemeinsame Eintauchen in die fiktive Welt authentisch. Die treibende Kraft ist hier nicht das Bedürfnis nach Austausch mit anderen, sondern die Suche nach Nähe zum schon vorhandenen Kosmos und zum Autor. Das ist der Anlass für Pottermore.

In den USA, so stellt Felicia Pride fest, ist die Nähe zum Autor das Pfund, mit dem die Verlage wuchern können. Die Innovationen sind technologischer Art und werden durch andere getrieben. Aber die Erstellung von Inhalten ist nach wie vor die Kernaufgaben von Verlagen. Oder eben von neu entstehenden Firmen wie open road, byliner oder wattpad, den “Verlagen der Zukunft”. Und die Vermarktung dieser Inhalte auf digitalem Weg ist die wichtigste Pflicht, um diese Autoren zu finden, entwickeln und halten.

Eine “community” und die Nähe zu derselben aufzubauen, kann durch eBooks nochmal an Schwung gewinnen. Oder für die von Interesse sein, die bisher das Thema anderen überlassen haben, weil sie sich nur auf die Distribution von gedruckten Büchern verlassen haben. Buchhandlungen können ihren lokalen Vorteil ausspielen. Belletristikverlage tun gut daran, einmal bei den Fachverlagen zu schauen, wie die ihre Spezialzielgruppen seit Jahren pflegen. Vielleicht finden sich nachahmenswerte Beispiele.

Hier der link zu einem Artikel zu diesem Thema im Spiegel:
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,795282,00.html

Hier zum Artikel von Felicia Pride:
http://www.pbs.org/mediashift/2011/10/the-book-publishing-industry-of-the-future-its-all-about-content297.html

Und hier der link zur Autorenfindung bei Harper Collins:
http://publishingperspectives.com/2011/11/social-media-sites-new-slush-pile/

Hier zu einem Beitrag von Audrey Watters, der zeigt, wie Amazon, google u.a. social media in ihr Buchangebot integrieren:
http://www.pbs.org/mediashift/2011/10/how-social-networks-might-change-the-way-we-read-books304.html

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.