2012: Im Jahr des Tablets

Weihnachten 2011 war wohl nun auch im deutschsprachigen Raum ein erster Durchbruch beim Verkauf von eBook-tauglichen Readern – von einfachen eReadern bis hin zu Tablets. Gerade die auch von den deutschen Buchhandelsgruppen / Buch- und Media-Großhändlern auf den Markt geworfenen eReader einfachster chinesischer / taiwanesischer / südkoreanischer Provenienz haben sich wohl durchaus großer Nachfrage erfreut. Kein Wunder, waren die Preise von zum Teil deutlich unter € 100.- ja fast schon Mitnahmeartikel im Weihnachtsgeschäft.

Dennoch erinnern diese Verkäufe in erschreckender Art und Weise an die längst verdrängten Zeiten des MP3-Players vor dem ersten iPod von Apple: Nette Versuche, noch schnell in einem Markt mitzumischen, der eigentlich schon um die nächste Ecke geht und die me-toos sofort wieder abhängen wird.

Apple hat sich mit seinem iPad von vorne herein nicht in die Niederungen des einfachen eReaders begeben und Amazon, Barnes & Noble und auch Kobo haben sich nun schnell da heraus begeben und eigene Tablets (Amazon Fire, BN Nook color, Kobo Vox, etc.)  – meist auf Basis von Android entwickelt. Warum?

Lesen ist nur eine Beschäftigung von vielen – daher: Ein Tablet für alles
Die Welt des Lesens lässt sich eben nicht mehr auf einem Gerät, das genau nur Schrift darstellen kann (und vielleicht noch Audio abspielen lässt), abbilden. Apple hat mit dem iPad den multimedialen Standard gesetzt – und die meisten Leser werden sehr schnell feststellen, dass es schön wäre, mehr mit einem solchen eReader zu machen, als nur Literatur zu lesen.
Analog zu dem inzwischen in über 30% der deutschen Taschen steckenden Smartphone, das auch mehr als nur telefonieren kann, ist der User Mehrfachfunktionalität nun gewohnt und erwartet dies auch von seinem eReader: Er will nicht mehr verschiedene Geräte haben, um zu lesen, Musik zu hören, Videos zu schauen, zu chatten, zu surfen oder Spiele zu spielen.

EPUB3 ist der neue, multimediale eBook-Standard
Hinzu kommt, dass mit dem neuen EPUB3-Format nun ein eBook-Format auf den Markt kommt, das Bücher zum Leben erweckt: Videos, Audios, Geolokalisation, Web-Verbindungen, Scripting in Dokumenten: Alles wird möglich innerhalb des eBooks – und alles wird von den Verlagen hoffentlich integriert für ein interaktives Leseerlebnis. Das mag für den Roman nicht von ganz so großer Bedeutung sein – aber alle andere Verlagsbereiche werden davon sehr profitieren. Das eBook rückt in gewisser Weise in die Nähe einer App – auch weil in EPUB3 auf HTML5 zurück gegriffen wird.

Und die größere Nähe zur App kann den Büchern nur gut tun: Das ist die Erwartung des Users – ist er doch die Funktionalität einer App bereits vom Smartphone gewohnt.

Apple, Google, Amazon bleiben – und sonst nicht viel
Bis Ende 2012 werden wir daher viele neue Tablets sehen, mit neuen Preisstrukturen – und keine neuen eReader à la Kindle, Oyo, iRiver, etc. mehr.
Die wesentlichen Anbieter am Markt werden Apple, Google und Amazon sein und bleiben, weil sie alle ein mehr oder weniger perfektes digitales Ökosystem (Hardware, Betriebssysteme, App-/eBook-Market und Vertriebskanäle) bieten. Eben aus diesem Grund werden die deutschen Anbieter von eReadern  – wenn überhaupt – nur noch ein Schattendasein führen. Und in den Tablet-Markt werden sie sich wohl nicht mehr stürzen – oder sollten es zumindest nicht mehr: Die in diesen Tagen angekündigte Herauslösung von Barnes & Noble Nook-Division aus Barnes & Noble zeigt, wie dramatisch schwierig das Geschäft ist – denn sonst würde BN sich ja wohl kaum von seinem eigenen Zukunftsgeschäft verabschieden….

2012 wird das Jahr des Tablets als die Plattform für eBooks, die mit dem gewöhnlichen Leseerlebnis eines (gedruckten) Buches nicht mehr viel gemein haben wird. Und das ist ein sehr lautstarkes Signal des Wandels an die gesamte Branche, das uns unüberhörbar in 2012 begleiten wird.

Siehe hierzu auch unsere Beiträge zum Ökosystem von Amazon, der Entwicklung des Tablet-Marktes und der Einschätzung der Chancen von Weltbild.

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Ich bin Experte für Geschäftsmodelle und digitale Technologieentwicklung. Als operativ tätiger kaufmännischer Geschäftsführer biete ich internationale Erfahrung in Finanz- und Rechnungswesen, Gesellschaftsrecht, Personal, Vertrieb und Verwaltung in High-Tech- und Medien- Unternehmen. Ich war CFO / COO in einem schnell wachsenden Start-Up (Deutsche GmbH und US Inc.) und habe die Gesellschafter in den Investment-Runden unterstützt sowie beim erfolgreichen Verkauf des Unternehmens an einen führenden US-Technologie-Konzern. Detailliertes Wissen habe ich durch operative hands on-Verantwortung erworben in den Bereichen Rechnungswesen, Finanzierung, Controlling, Berichtswesen und Steuern (IFRS, US-GAAP und HGB) von internationalen Mittelstandsunternehmen. Umfangreiche Erfahrung habe ich in der Gewinnung, Vertragserstellung und Vertragsauflösung von Mitarbeitern im internationalen Umfeld, einschließlich der Erlangung von Arbeitserlaubnis / Visum in Deutschland und in den USA.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Was kann man von den besten Apps für eBooks lernen? | smart digits

  2. “… und die meisten Leser werden sehr schnell feststellen, dass es schön wäre, mehr mit einem solchen eReader zu machen, als nur Literatur zu lesen.”

    “Hinzu kommt, dass mit dem neuen EPUB3-Format nun ein eBook-Format auf den Markt kommt, das Bücher zum Leben erweckt.”

    Zwei Sätze, die mir aufgefallen sind.

    Bei mir waren und sind Bücher Leben und müssen nicht erst dazu erweckt werden. Daher stelle ich mir die Frage, ob die Vorstellungskraft und Phantasie vieler Leser bereits so verdorrt ist, dass es dazu eines “interaktiven” eBooks bedarf, um überhaupt noch ein ErLEBnis-Gefühl zu erzeugen.