Das Corona-Narrativ – revisited

Seit gut einem Jahr haben uns ein Virus und unsere Vorstellungen von diesem Virus im Griff. Was davon schlimmer wirkt mögen nachfolgende Generationen besser beurteilen können. Wir konnten fundierte Darstellungen und gewissenhafte Untersuchungen zum Virus ebenso beobachten wie krude Verschwörungstheorien und wütende Beschimpfungen. Im Frühjahr 2020 haben wir hier mit einer Serie von Artikeln unsere Vorstellungen von Corona und die mediale Darstellung untersucht. Es ist an der Zeit, dieses Bild zu überprüfen.

“Die Medien” haben in diesem Jahr dazugelernt

Vor einem Jahr haben wir im ersten Beitrag über die Berichterstattung zu Corona auf die zahlreichen Mängel in der Darstellung hingewiesen. Vergleicht man die vor einem Jahr vorgestellten Informationen mit den heute vorliegenden, so ist klar zu erkennen, dass fundierter und besser berichtet wird. Als Beispiel mag die Darstellung auf Spiegel online gelten, die vor allem auch mit Fragen und offenen Punkten viel besser umgeht.

Die Informationen zur “Corona-Lage” in Deutschland von Spiegel Online vom 27.2.2021 unterscheidet sich deutlich von der von vor einem Jahr.

Hier zum Vergleich die an einen Medaillenspiegel erinnernde Darstellung vor einem Jahr mit eklatanten Mängeln bei der Aufbereitung der Daten.

Hier zum Vergleich die an einen Medaillenspiegel erinnernde Darstellung vor einem Jahr mit eklatanten Mängeln bei der Aufbereitung der Daten.

Der Corona-Podcast des NDR feiert ein einjähriges Jubiläum und reflektierte in einer Sondersendung das Geschehen. Im Zusammenhang mit unserem Thema hier, den digitalen Medien und ihrer Wirkung, lohnt sich diese Sendung in besonderem Maße. Denn sie reflektiert auch die Rolle der Medien und ihrer Fähigkeiten.
Das wird auch in der Reflektion der Beteiligten zu Podcasts, der Verkürzung von Informationen und dem Bedürfnis der Zuhörer nach fundierten Darstellungen deutlich: Es gibt genügend Zuhörer, die mit Unsicherheit umgehen können und Medien schaffen Vertrauen, wenn sie die offenen Fragen auch offen diskutieren.
Und: Podcasts sind deshalb ein Medium der Stunde, weil sie anders als Talkrunden oder kurze Artikel mehr Raum lassen für die Darstellung komplexer Situationen. Das Ringen der Verantwortlichen um eine kurze und knappe Darstellung des Themas Corona im Podcast verdeutlicht dies: Schnell sind die Macher dazu übergegangen, die Länge von ca. 45 Minuten beizubehalten, denn komplexe Sachverhalte lassen sich nun einmal nicht immer reduzieren auf Schlagzeilen. Auch wenn die Aufmerksamkeitsökonomie nach schnellen Häppchen schreit: Hier wäre es der falsche Weg gewesen.

Man kann festhalten: Die Medienkompetenz ist erweitert worden in dem Sinne, dass

  • neue und andere Medien wie Podcasts besser genutzt werden, um Informationen zu verbreiten,
  • wissenschaftlich anspruchsvolle Informationen so aufbereitet werden, dass sie auch einem breiten Publikum besser vermittelt werden können (siehe z.B. allein die Aufbereitung von Statistiken, Definitionen von Fachbegriffen etc.).
  • die komplexen Informationen so aufbereitet werden, dass sie viele gut informieren und die Fragen offen adressieren.

Ojo Público aus Peru hat schon früh die Verflechtung von Industrie und Politik untersucht und welche Firmen welche Aufträge erhalten haben – ein Thema, das besonders Bürgern in Deutschland durch die Korruptionsaffären zahlreicher Politiker unlieb ins Bewusstsein gekommen ist.

Man sehe sich nur die vielfältigen, gut gemachten Reportagen und Darstellungen an wie die der New York Times zum Tragen von Masken, dem Vaccine bootcamp von Reuters oder zum Verlauf von Ansteckungen in El País sowie im deutschsprachigen Raum eine vergleichbare Darstellung von der Zeit oder eine Hochrechung von durch Impfungen geretteten Leben bei rbb24. (Hier geht es zu der sehr spannenden Übersicht von Hassel Fellas zu Date Journalism und beispielhaften Projekten in der Berichterstattung zu Corona.)
Christina Elmer vom Spiegel und Johannes Schmidt-Johannsen vom SWR berichten im Interview bei kress über die Verbesserung der Arbeit von Datenjournalisten, der Blog Datenjournalist diskutiert aktuelle Fehler in der Deutung und im Verein Netzwerk Recherche organisieren sich die JournalistInnen, um ihre Arbeit zu verbessern.

Und diese Arbeit wird immer wichtiger. Medien müssen in der Lage sein, die komplexe Situation zu reflektieren und zu vermitteln (siehe hierzu unser Verweis letztes Jahr auf das Cynefin-Modell). So liegen z.B. erst jetzt Zahlen vor, die eine fundierte Betrachtung zulassen wie der unten abgebildete Vergleich der Lebenserwartung in den USA durch die Ereignisse 2020  in den letzten 20 Jahren. Nur eine gewissenhafte Deutung der Zahlen kann aufzeigen, ob und wie sich die Schere zwischen den Gesellschaftsschichten vergrößert hat und wie sich die Pandemie auf die Lebenserwartungen verschiedener Personengruppen ausgewirkt hat.

Quelle: https://www.cdc.gov/nchs/data/vsrr/VSRR10-508.pdf Die Daten zeigen auf den ersten Blick deutliche gesellschaftliche Unterschiede.

“Die Medien” haben in diesem Jahr dieselben Fehler begangen wie immer

Zugleich muss man feststellen, dass “die Medien” dieselben Fehler gemacht haben wie immer. Verzerrungen, Lügen, Fake News, Filterkammern und Clickbaiting – das ist natürlich nicht verschwunden! Denn Medien verkürzen nun mal, sie können die Welt nie darstellen, wie sie ist. Auch dies wird in dem Podcast aufgenommen, wenn Christian Drosten darauf verweist, wie Fotos von ihm und Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen werden und ein Bild von ihm und seinen Aussagen vermitteln, das weit entfernt ist von dem, was intendiert war. Es liegt leider in der “Natur” von Medien, dass sie immer auch verfälschen, eine eigene Sprache sprechen, die die “Wirklichkeit” nie zu 100% erfasst.

Die Forderung nach einer “besseren Information durch Medien” ist deshalb nicht nur eine Forderung an Medien, ihre Wahrhaftigkeit und die Bedingungen ihrer Geschäftsmodelle, sondern immer auch eine Frage, wie wir mit unseren Narrativen umgehen. Medienkompetenz schließt auch die Fähigkeit ein, uns selbst zu erkennen in unseren Wünschen und Bedürfnissen. Hans-Georg Häusel hat das in seinem Buch “life code” deutlich gemacht: Wer die eigenen Beweggründe für sein Handeln nicht reflektiert und den Hormon-Cocktail, der die eigenen Motive mixt und prägt, der wird die Medien natürlich immer nur so nutzen, wie es ihn umtreibt.
In dem Sinne reflektiert unser Umgang mit dem Coronavirus auch unsere Fähigkeit, unsere eigenen Motive zu erfassen und damit unsere je eigene Wahrnehmung der Welt. Denn das Virus ist nach wie vor den meisten noch nicht begegnet, sie kennen es nur medial vermittelt. Die Toten können nicht mehr davon berichten, die Genesenen schon und ihre Darstellungen geben unserem Bild mehr Glaubwürdigkeit. War unsere Vorstellung von Corona vor einem Jahr fast ausschließlich medial vermittelt, so weisen die Erfahrungen von Erkrankten mittlerweile auf so etwas wie “Authentizität”.
Jetzt liegt es daran, welchen Wert wir dem Schutz von Schwachen geben, wie wir das gesamtgesellschaftlich so organisieren können, dass viele berechtigte Interessen berücksichtigt werden, dass die Zukunft unserer Gesellschaft in sinnvolle Bahnen gelenkt wird. (Hier geht es beispielhaft zu einem Bericht der NYT über ältere Menschen, die die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Isolation stellen im Vergleich dazu, dass Sie vieler, letzter Möglichkeiten beraubt werden.)

Kann man den Medien vertrauen?

Die Agentur Edelmann hat einen “Trust Barometer” veröffentlicht, der weltweit nach dem Vertrauen in Regierungen, Unternehmen, Medien etc. fragt. Durch einen Vergleich mit den Vorjahren lässt sich ganz gut erkennen, an welchen Stellen Corona das Bild verändert hat, auch wenn die geringe Anzahl der Befragten nicht repräsentativ sein kann. Interessant ist eine deutliche Verschiebung des Vertrauens in Richtung Unternehmen und der Zuwachs der Bedeutung der eigenen Familie. Im Vergleich zu den Regierungen, Medien und NGOs konnten die Unternehmen als vertrauenswürdige Quelle von Informationen gewinnen – trotz Content-Marketing, möchte man ergänzen. Hier spielt wahrscheinlich eine Rolle, dass die meisten Staaten einen enormen Zuspruch zu Beginn der Pandemie verzeichnen konnten als sofortige Retter in der Not, indem sie Ausgangssperren verhängt haben. Und dass sich dieses Bild dann in den Folgemonaten angesichts des schlechten Krisenmanagements und die Überforderung der Administration meistens auflöste. Bürokratie ist langsam und wenn hier die Digitalisierung verschlafen wird, im Vergleich zu Unternehmen immer im Hintertreffen.

Das Vertrauen in Medien ist in den Ländern unterschiedlich stark gesunken bzw. gestiegen.

Den Medien wird für das Jahr 2020 kein gutes Zeugnis ausgestellt: Es sei dem sogenannten “Qualitätsjournalismus” nicht gelungen, für Vertrauen in die eigene Tätigkeit zu werben. Im Gegenteil, mehr befragte Menschen als je zuvor hatten den Eindruck, dass sie nicht richtig informiert werden. Insgesamt gesehen haben Journalisten 5 Prozentpunkte weniger Glaubwürdigkeit zugesprochen bekommen als im Jahr davor. Der Auslöser ist natürlich Corona und die damit zusammenhängende Frage, was man glauben kann, was Fake News und Verschwörungstheorien sind und was überprüfbare Fakten (siehe hier der Artikel dazu auf media). Dieser globale Blick berücksichtigt nicht die recht unterschiedlichen Entwicklung in den einzelnen Ländern. Nicht überall verlieren die Medien und Journalisten an Vertrauen und vor allem bei den gebildeten Schichten verzeichnen sie einen Zuwachs. Deshalb ist ein zweites Chart interessant, das Medienkompetenz als wichtige Fähigkeit für die Einschätzung der Welt in den Vordergrund rückt. Die wachsende Bedeutung der Medien als Quelle der Information zur Orientierung in der Welt wird damit erkannt. Und dass bestimmte Medienformate viel Zuspruch erfahren haben, dürfte mit diesem Bedürfnis zu tun haben, denken wir nur an die steigenden Abonnenten der Podcasts von Drosten oder der SZ oder die Zuwächse bei Abos von Anbietern vertiefender Recherchen wie der NYT oder der Zeit.

“Information literacy” und “science literacy” haben neben der Sorge um die eigene Familie an Bedeutung gewonnen. Man kann die wachsende Bedeutung der eigenen Familie gut mit den Drohungen der Pandemie erklären, die Bedeutung von “science literacy” mit dem “verstehen wollen, wie ich meinen Körper schütze” und die politische Wachsamkeit mit den Wahlen und Aufkommen von Populismus. Interessant ist das steigende Interesse am Funktionieren von Medien und der Gewinnung von Informationen.

Mit Bezug auf unsere Darlegungen vom Frühjahr 2020 möchte man ergänzen: Medienkompetenz gewinnt eher noch an Bedeutung und die dort 2020 formulierten Eckpfeiler behalten ihre Gültigkeit. Ergänzen kann man, dass eine besondere Verantwortung bei allen in der Gesellschaft besteht, den medialen Dialog sinnvoll zu gestalten. Die Fähigkeit, Sachverhalte vertrauensvoll darzustellen, wird immer wichtiger. Dabei darf man nicht nur auf das “gebildete” Publikum achten. Neben den “klassischen” Institutionen wie Schulen und Hochschulen, religiösen Gemeinschaften, Parteien sowie den Medien, kommen auch zunehmend den Unternehmen weitere Aufgaben zu. Der Mensch orientiert sich in der Krise am unmittelbaren Umfeld: Und dazu gehören auch Arbeitgeber. Sie sichern unmittelbar Halt und Einkommen.

Unternehmen kommt zunehmend mehr Bedeutung zu bei der Diskussion um die richtigen Narrative. Dass die Darstellung von Fakten und der Aufbau von Vertrauen in die Quellen und Vermittler von Informationen nur im gesellschaftlichen Zusammenspiel möglich sind, ist keine Neuigkeit, aber immer wichtiger.

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.