Buch und Webseite – sieben Sprünge und ein gelungenes Beispiel

Es ist ja nicht immer so einfach mit der Digitalisierung von guten Büchern. Gedruckte Werke riechen und rascheln nicht nur, liegen gefasst in der Hand und sagen wortlos, wo man steht und wie viele Seiten noch zu erwarten sind. Sie sind abgeschlossen und bieten Sicherheit. Aber ja, wir wiederholen uns.
Anders das flüssige Netz.
Wir freuen uns deshalb, in unserer Serie über digitale Bücher, Erweiterungen und Kombinationen (so zum Transmedia-Thriller deathbook, einem in sieben Tagen entwickelten Lehrwerk oder dem seriellen und subkompakten Publizieren von Zeitschriften) einmal ein Beispiel vorzustellen, das nicht auf neue Technologien setzt, sondern auf die inhaltliche Kohärenz. Und deshalb nicht minder gelungen ist.
Ulrike Draesners Roman “Sieben Sprünge vom Rand der Welt” erzählt von Eustachius Grolmann, der als 14jähriger im Januar 1945 fliehen muss aus Schlesien, und von seiner Tochter Simone Grolmann, der Schnee Angst macht. Aus sieben Perspektiven nähert sich der Roman immer wieder dieser Flucht, dem Verlust von Heimat und dem, was verloren geht und doch in anderen weiterlebt. Sind Vater und Tochter beide Affenforscher, so unterscheiden sie sich doch auch da und finden sich, sprachlos, auch dort wieder. Die Anordnung erinnert an Kurosawas Rashomon und dem Kreisen um die Wahrheit und stimmig ist die wiederkehrende Näherung an die Vergangenheit durch die Perspektive verschiedener Personen. In dem Roman ist jedoch weniger die Suche nach der einen Wahrheit zentral, sondern vielmehr das Spurenlesen: Was überträgt sich bewußt und unbewußt auf die nächsten Generationen? Was genau heißt es, wenn die Ängste und Erfahrungen in den nächsten Generationen weiterleben?

Der Roman lohnt, nicht nur weil er Witz und Ernst zu vereinen weiß. Aber es lohnt auch der Blick auf das Verhältnis von Roman und Webseite. Diese von der Autorin zusammen mit Dorothea Martin und den imaginary friends entwickelte Seite sucht keine Spielereien, sondern bleibt streng dem Inhalt und Sinn des Werkes treu. Das Buch ist das Buch: gut lektoriert, schön gestaltet, abgeschlossen. Ein Werk eben.

1
So wie die Spurensuche nie abgeschlossen ist und sein kann, so werden auch die Quellen und weiteren Interpretationen auf der Seite sichtbar.

Das Netz bietet das, was es kann: Es zeigt Quellen auf, die auf Deutschland und auf Polen verweisen. Es bietet Bilder und Originaldokumente, Stimmen von vertriebenen Polen (die Verschiebung von Ost- nach Westpolen ist den wenigsten bekannt), die dann in den noch warmen Häusern deutscher vertriebener lebten.

Videos zur Primatenforschung führen den Betrachter wiederum in die kongolesischen Wäldern und der Brutalität von Schimpansen.
Eine Leseprobe in Lexigrammen lässt einen Affen zu Wort kommen, zieht eine Parallele zur Gestaltung des Buches und führt doch aus diesem hinaus.
So wie auch das Lexikon der reisenden Wörter, die, wenngleich nicht auf der Flucht, so doch den Leser hin- und herverlinken, ihn mal in die eine Richtung denken lassen, mal mit einem Gegengedanken vor den Kopf stoßen. Diese Tag-Cloud zum Buch ist digital noch spannender zu erzählen, zu verändern, zu entwickeln als in einem abgeschlossenen Werk.

2

Unter der Rubrik Selbst-Erzählen kommen dann auch die zu Wort, die daran anknüpfen wollen. Wem das kuratierte Einfügen zu sperrig ist, der kann auf der Facebookseite von Ulrike Draesner in gewohnt einfacher Manier seine Kommentare pflegen. So wie in den Lesungen viele immer wieder auf ihre Erinnerungen stoßen und Verknüpfungen finden, so ist auch diese Seite aufgebaut.

Die Frage stellt sich natürlich, wie und ob die Seite lebt? Eigentlich ist aber nur relevant, dass sie lebt. Die üblichen Steigerungsraten bei Traffic und conversion rates sind hier nicht von Vorteil, denn es geht um die kluge Verknüpfung von Inhalten. Die Qualität zählt. Schließlich braucht gute Literatur immer Zeit, bis sie wahrgenommen wird. Das zählt, nicht der schnelle Erfolg.
Ein dichterisches Werk entsteht nicht über Nacht, auch wenn es zur Mythenbildung der schreibenden Zunft gehört, dass der schöpfende Mensch jeden Tag eine neue Kreatur erschafft, zumindest eine Landschaft, und sich am siebten Tag Ruhe oder Ausschweifungen hingibt, um seine Kreativität wieder anzukurbeln.
Dem folgend bietet es sich an, die Wege zu und von einem Werk zu zeigen, die Verästelungen und möglichen neuen Wege.
Wen das interessiert? Fan-Fiction auf diesem Niveau natürlich in erster Linie die intensiven Leser, die Rezensenten und Forscher, die Blogger und getroffenen Leser. Das sind wenige, aber nicht minder wichtige Kunden, um im ökonomischen Diskurs zu bleiben, denn sie sind Multiplikatoren. Und auf diese hören wiederum viele Leser. Und natürlich interessiert dies alle Autoren, die einen Einblick in die Autorenwerkstatt erhalten.
Es kann dem folgend auch ökonomisch sinnvoll sein, seine Netze auszuwerfen. Und sei es nur als Schreibübung auf der Suche nach dem Stoff, aus dem die nächsten Werke sind.

Zur Bibliothek zu diesem Artikel

 

 

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.