Das Fachbuch ist tot – es lebe das Fachbuch

Wie viele Buchautoren sind auch wir stolz und ernüchtert. Stolz, denn man hat Inhalte auf einen roten Faden miteinander verknüpft, sie wie frisch genähte Kleidungsstücke an einer Leine aufgehängt, für alle sichtbar. Aber schon beim Aufhängen merkt man, dass man einiges hätte anders machen sollen. Klar, bei einem Thema wie “Mobile Publishing” bleibt es nicht aus, dass die Entwicklung der Welt schneller ist als man selbst. Ernüchtert stellt sich spätestens zur 2. Auflage die Frage, wo das hinführen soll. Hier unsere Empfehlungen als Autoren, subjektiv und parteiisch (und mit im Gepäck zahlreiche selber entwickelte Verlagsprogramme und blended-learning-Angebote).

Digital first: Vergiss das Buch als zentralen Leitfaden für die Strukturierung deiner Gedanken

Wir sind mit der Erörterung aufgewachsen, durften in der Schule die guten von den schlechten Argumenten trennen und das Ganze dann schön säuberlich zu Papier bringen. Das hilft beim Denken. Aber es hilft schon längst nicht mehr beim Organisieren all der Informationen. “Digital first” ist schon längst die sinnvolle Devise für Verlage. Und wir als Autoren denken auch schon längst nicht mehr nur in statischen, sequentiellen, in sich abgeschlossenen Texten.

Wir produzieren wöchentlich Blogbeiträge zu neuen Entwicklungen, diskutieren an der Uni Krems oder der LMU mit den Studierenden die Themen in Seminaren und auf Moodle, präsentieren auf Vorträgen oder in Workshops vor Fachleuten oder moderieren Podiumsdiskussion und geben Interviews. Wir verlinken in den sozialen Netzwerken und retweeten, wir nehmen Videos auf für Onlinekurse und entwerfen Schulungskonzepte.

Kurz: Wir sind die ganze Zeit im Thema und nutzen die unterschiedlichsten Medienformen. Und wir nutzen diese Medien nicht einfach nur, weil sie da sind und gerade in Mode, sondern weil sich die Welt in unseren Themen so schnell verändert, dass ein Produkt-Korpus, der ediert und gedruckt werden muss, keine sinnvolle Art der Erstellung und Distribution der Inhalte mehr ist.

 

mobile publishing update

Die regelmäßigen Mobile Publishing-Updates – ein Ausweg aus einem Dauer-Dilemma: Ein Fachbuch zum mobilen Publizieren muss regelmäßig ergänzt werden, um nicht veraltet zu sein, noch bevor die Druckerschwärze trocken ist…

 

Online first: Der Weg ist das Ziel

Die beste Form, um all diese Inhalte zu strukturieren ist für uns eine Online-Plattform. Mit der Akademie der Deutschen Medien und dem Goethe-Institut haben wir einen Kurs entwickelt zum selben Thema wie das Buch. Als Plattform wird hier das Online-Learning-Tool Moodle verwendet. Und eine Plattform wie Moodle ist viel geeigneter, um all die verschiedenen Möglichkeiten der Wissensvermittlung zu sammeln. Wir haben Videos und Texte, Aufgaben und Tools, Links und vertiefende Studien an einem Ort.

Die Inhalte können täglich aktualisiert werden, wenn Markt und Technik sich ändern. Und durch die Interaktion mit den Lernenden entsteht eine neue Qualität. Der Text für das Buch kann nur aus diesem Material generiert werden – und nicht umgekehrt. Das Fachbuch ist ein Folgeprodukt – wenn es denn überhaupt noch sinnvoll ist.

 

Die Lernplattform bietet das Grundgerüst – hier am Beispiel Moodle in unserem Kurs für indische Verleger. Von ihr aus lassen sich alle Produktformen, vom Video bis zum Aufsatz, der Linksammlung bis zur aktuellen Diskussion, dem Werkzeug bis zur Aufgabe sammeln. Das Buch kann nicht mehr der Ausgangspunkt der Überlegungen sein.

 

Mach dein Gesamtkunstwerk!

Als Autor will man Reichweite, Anerkennung, Diskussion. Als Autor eines Fachbuches spielt meist der Verdienst nicht die größte Rolle, das Geld wird an anderer Stelle verdient. Um so wichtiger ist es, dass genau die Information beim Kunden ankommt, die man vermitteln will. Und hier ist das didaktische Konzept gefragt. Manchmal ist ein Video besser als ein Text, manchmal eine interaktive Grafik, manchmal ein Tool. Die richtige Dosierung ist eine neue Kunst, die noch nicht alle Autoren beherrschen. Aber sie entscheidet über den Erfolg. Wir als Autoren müssen wie ein Regisseur unsere Medien auf der Bühne neu mischen. Wir brauchen eine gute Dramaturgie und haben unseren Kunden im Blick, wenn wir Video und Übung, Grafik und Text virtuos zu mischen suchen. Meist stellen wir fest, dass weniger mehr ist.

Und wir merken: die Präsenz ist unschlagbar. Und sie wird immer wichtiger. Denn Texte können künftig auch von Computern geschrieben werden. Aber wir stehen als Autoren noch für die Einbettung in Sinnzusammenhänge. Wir sind authentisch. Und wir merken, dass wir am besten überzeugen, wenn wir unsere Kunden direkt ansprechen können. Die Kombination von Präsenzveranstaltungen und Onlinebetreuung funktioniert dabei am besten. Ein erstes Kennenlernen, persönlich und direkt. Dann eine virtuelle Unterhaltung mit vielen Möglichkeiten der Rückmeldung. Und dann nochmal die Vertiefung, die nochmalige Diskussion in einer zweiten Runde, persönlich und mit Bezug auf die virtuellen Begegnungen. Das ist nicht neu und mit dem Schlagwort “blended learning” schon seit Jahren in der Diskussion. Durch die Dynamik im mobile Publishing müssen diese Angebote jetzt überdacht und neu gefasst werden.

 

workshop

Fachlichen Input erhalten, das Gelernte anwenden, in der Präsentation der Anwendung Feedback bekommen: Online-Kurse funktionieren am besten, wenn sie intelligent mit Präsenz-Veranstaltungen kombiniert werden.

 

Ist Text oder Software das Leitmedium für den Kunden?

Für unser Thema, das digitale Publizieren, ist der Text (noch) das zentrale Leitmedium für diejenigen, die das Handwerk lernen und beherrschen wollen. In anderen Fachbereichen hat sich das längst geändert – und auch Verlage bringen Produkte auf den Markt, bei denen die Software das Leitmedium ist und der Content nur noch im Hintergrund liegt, wenn er zur Vertiefung und fachlichen Information genutzt wird. Haufe zeigt das mit seiner Software-Suite für das Personalmanagement, Wolters Kluwer mit den Tools zur Lösung von rechtlichen Fragen in Jurion, und Thieme mit seinen Anamnese-Assistenten für Veterinäre in VetCenter.

Wo immer die Materie der Fachleute so komplex wird, dass das Hauptproblem die effiziente Unterstützung im täglichen Arbeiten ist, werden derartige Lösungen entwickelt. Und vielleicht kommen wir auch bald an den Punkt, wo Publishing-Fachwissen als Kontext-Hilfe in Produktionssystemen und Web-CMS-Anwendungen hinterlegt wird. Zeigen wird das alleine der Kundenbedarf – und die Antwort auf die Frage nach einem nachhaltigen Geschäftsmodell. Denn solche Produkte können nicht mehr über einen Einmal-Verkauf refinanziert werden.

 

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Das Beispiel VetCenter: lösungsorientierte Assistenten helfen Fachleuten bei der effizienten Organisation ihres Arbeitsalltags (Quelle/Copyright: Thieme)

 

Kunde, sag mir, was du nutzt!

Als Autoren wollen wir lernen und brauchen Rückmeldungen. Wir suchen den Kontakt zu unseren Lesern und Kunden, wollen wissen, wann und warum welche Medienformen genutzt werden. Auf diesem Weg brauchen wir mehr als die Buchverkäufe und spärliche Leserbriefe. Wir wollen genau wissen, wer wann welche Übung gemacht und geschafft hat. Wir wollen die Transferleistungen erkennen in der Nutzung von Tools, wollen in den Präsenzveranstaltungen den Kunden in die Augen schauen können und beim Tee die kritischen Worte freundlich verpackt hören. Und dann können wir unser Angebot verbessern.

Was Autoren deshalb von Verlagen wollen? Sie brauchen einen Partner, der bei der Organisation der Inhalte hilft, der Daten über die Kunden liefert (und deshalb immer dort ist, wo der Kunde ist!) und für die Weiterentwicklung richtig interpretiert, der bei der Wahl der Mittel und Medien beraten kann. Nicht mehr und nicht weniger.

 

 

Veröffentlicht von

www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.