Sag mir was Du liest und ich … – was die eBooks alles verraten

Eines der großen Schlagwörter der Zeit ist Big Data. Amazon macht es vor und zeigt, dass die Kundendaten und -beziehungen ein gewichtiges Pfund im Markt sind. Die Produkte, die Technologien kommen nach. Hauptsache man weiß, wer die eigenen Kunden sind und was sie machen. Wer einen Zugang zu seinen Kunden sucht, wird häufig bei Amazon fündig, zumindest als Publikumsverlag. Amazon verdient gut daran. Wenige verfügen über ein so breites Spektrum an Daten und können die Vorlieben ihrer Kunden so gut klassifizieren.

Amazon und seine Kunden
Der Einstieg von Amazon über das Buchgeschäft wird zum gewichtigen Wettbewerbsvorteil: ein breites Sortiment + relativ günstige Preise + immer wieder neu entstehende Produkte + viele Kunden = Big Data. Amazon hat die letzten Jahre Daten angesammelt, die mit der Zeit einen immer größeren Wert erhalten. Und es geht nicht mal so sehr darum, dass Amazon aus der Sicht der Leser die wichtigste Datenbank für die Recherche (von Büchern) ist. Auch wenn es für Verlage ärgerlich ist, wenn Autoren ihre Bedeutung einzig vom Ranking bei Amazon ablesen wollen und nicht erkannt haben, dass hier ein Konzern zu Gange ist, der eine große Bandbreite an Informationen bereithält, aber nie daran interessiert sein wird, ein objektives Bild des Marktes zu liefern. Es geht vielmehr darum, dass die Bücher der Einstieg sind in ein noch umfangreicheres Datennetzwerk, das Auskunft geben wird über den Kunden (wir berichteten schon über die Hintergründe für silk und warum Amazon einen eigenen Browser entwickelt hat und warum die Hardware wie die Kindle-Familie Verluste schreiben darf). Bücher werden wie das Fernsehen oder Zeitschriften zu einem Spiegel für die Werbetreibenden. Dass Amazon hier als Gemischtwarenhändler auftritt, macht die Sache noch attraktiver, weil dann der Werbepartner für das eine Produkt auch noch direkt über Amazon ausliefern kann und Amazon doppelt verdient.
Und welche Daten vom Kindle in den hauseigenen Serverfarmen wie verarbeitet werden, darüber schweigt sich der Konzern wohlweislich noch aus.

Program follows data
Die Games-Branche hat es vorgemacht und zeigt, wie man Kundendaten auswertet und daraus bessere Produkte macht.
Das wird mit den eBooks auch noch passieren.
Die Auswertung ist komplex und die Folgerungen nicht immer so einfach zu ziehen. Deshalb wird es dauern, bis sich die entsprechenden Modelle auch in den Unternehmen hier durchsetzen werden. Zumal nur Weltbild annähernd viel investiert hat in Kundendaten und Distribution und wie Amazon auch eigene Produkte anbietet. Diese können künftig noch besser entwickelt werden.
In den USA sind es aber auch Kobo, sourcebooks, copia und alle anderen, die sich mit eBooks befassen, die einen Teil des Kuchens begehren und systematisch Kundendaten sammeln.
Eine, wenn auch etwas ältere, Übersicht, welche Daten über welche Geräte erhoben werden, bietet die electronic frontier foundation.
Das GFK-Tool der Zukunft wird aus den Daten der Cloud gespeist werden, die genau aufzeigen, wie viele Leser bei Seite 5 eingeschlafen sind und die Passage auf Seite 34 ihren Freunden geschickt haben, weil sie gar zu schön war. Bei Ratgebern und Fachbüchern können derartige Informationen zu einer Verbesserung beitragen. Schließlich liegt ihr Anspruch ja auch darin, gelesen und verstanden zu werden. Und hier werden die Verlage das Know how aufbauen, wie man die richtigen Schlüsse zieht aus der Fülle der Informationen. Heißt jetzt ein häufiges Blättern zwischen Seite 50 und 55, dass die Passage gut war oder einfach nur schwer verständlich?
Bei anspruchsvoller Literatur sind Schlussfolgerungen auf das Programm eher marginal.

Ob es von Erfolg gekrönt sein wird, dass man den Lesern von Feuchtgebieten dann gleich Depiliergeräte anbieten und Lesern von Ian Fleming exklusive Sportwägen zum Sonderpreis – das wird sich zeigen.

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www.smart-digits.com

Meine Schwerpunkte sind die strategische Entwicklung von Unternehmen, die Gestaltung der passenden Geschäftsmodelle und die Kundenanalyse - das klingt nach trockenem Brot. Aber es kann sehr kreativ, anregend und erfüllend sein. Aus meiner Erfahrung als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer beim Carl Hanser Verlag und Haufe-Lexware kenne ich das Mediengeschäft und die Herausforderungen durch die Digitalisierung. Mit Partnern entwickle ich Plattformen wie flipintu oder lectory und digitale Lernmethoden mit dem Goethe-Institut und verschiedenen Universitäten. Man muss etwas selber erfahren, um es auch vermitteln zu können. Nicht dass ich ein Fan von Steve Jobs wäre, aber seine legendäre Rede in Stanford ist klug und das Motto passt: Stay hungry. Stay foolish. Das Leben ist zu kurz, um es mit sinnlosen Meetings und Phrasen zu vergeuden.